"Ich bin Sprachrohr für Stimmlose"

Seit 20 Jahren kämpft der Luzerner Theologe für eine menschenwürdige Drogenpolitik.
   

Er predigt auf der Kanzel und engagiert sich in der Drogenszene: Der 53jährige Theologe und Sozialpädagoge Sepp Riedener, ein ungebrochener Pionier der Innerschweizer Drogenpolitik, ist seit 20 Jahren auf der Gasse präsent.

Von Beat Bühlmann, Luzern [Tages-Anzeiger (Zürich), 29. Juli 1996]

Das knappe Dutzend Drogenkranker ist im "Lebensraum Ibach" am äussersten Rand der Stadt Luzern untergebracht, in der Industriezone zwischen Kehrichtverbrennungsanlage und Krematorium. Auf dem 2000 Quadratmeter grossen Landstück haben die Obdachlosen von der Gasse mit ausgedienten Schulpavillons ein eigenes Haus gebaut und sich damit ein unbefristetes Wohnrecht erworben. Das Projekt, vom Kanton anerkannt, ist nicht abstinenzorientiert.

"Hoi Sepp", sagt einer von ihnen bei unserer Stippvisite zu Riedener, bevor er sich wieder an die Arbeit macht. Im oberen Stock des Neubaus richten sie die Gemeinschaftsküche ein, die Werkstätten im Erdgeschoss sind bereits gemalt. In vier Wohngruppen (mit zwölf Zimmern) versuchen diese Frauen und Männer, alle mit langjährigen Suchtgeschichten belastet, eigenständig zu leben und zu arbeiten. Die meisten sind bereits über ein Jahr hier, in diesem Fluchtpunkt der Unbehausten.

"Für sie kann dieser Lebensraum eine neue Heimat sein", sagt Sepp Riedener, Geschäftsleiter des Vereins Kirchliche Gassenarbeit. Der Verein, in geradezu vorbildlicher Ökumene von katholischer, reformierter und christkatholischer Kirchgemeinde getragen, beschäftigt 34 Teilzeitangestellte. Sie sorgen für Gassenarbeit, mobile Aidsprävention, Ambulatorium, Notschlafstelle und das Projekt Lebensraum.

Brücken schlagen

Seit 20 Jahren arbeitet der 53jährige Theologe und Sozialpädagoge Sepp Riedener in der Drogenarbeit. 1975 half er mit, das "Aebi-Hus" in Brüttelen aufzubauen, später gründete er das Drogen Forum Innerschweiz, das in der Zentralschweiz drogenpolitische Pionierarbeit leistete, 1985 brachte er die Gassenarbeit in Luzern auf die Beine. Als ich Riedener in den siebziger Jahren kennenlernte, versuchte er in Malters den erbitterten Widerstand der Anwohner gegen die erste therapeutische Gemeinschaft von Drogenabhängigen zu brechen. Es ist ihm damals gelungen - und heute?

"Seither hat sich nicht viel verändert", sagt Sepp Riedener. Wo immer eine neue Institution geschaffen wird, regt sich zuerst die Gegnerschaft, Auch im "Ibach" wehrten. sich die benachbarten Industriebetriebe. Erst als Riedener den städtischen Polizeikommandanten, dessen .Söhne mit seinen Söhnen zur Schule gehen, vom Vorhaben überzeugte, und dieser mit einem Fax den Opponenten eine tägliche Polizeipatrouille in Aussicht stellte, kam das Projekt voran.

Heute verkehrt der benachbarte Landwirt ungezwungen auf dem Areal. "Die Polizei hat diese Überlebenshilfe ermöglicht", sagt, Riedener. Feindbilder gelten ihm nichts, das Gespräch zwischen den Fronten ist ihm wichtig. "Als Theologe bin ich dazu berufen, Brücken zu bauen berufen und zu versöhnen", sagt er.

Doch zuweilen packt ihn ein heiliger Zorn. Wenn Drogenabhängige einfach vertrieben werden, ohne Beheimatung leben müssen, hält er sich nicht mehr zurück. So machte sich 1993 zum Wortführer einer Demonstration gegen Repression. "Es beelendet mich wahnsinnig wenn diese Menschen auf öffentlichen Toiletten fixen müssen, bekennt Riedener, den die Stadt Luzern wie den Kabarettisten Emil Steinberger, mit der Ehrennadel auszeichnete. Resignation oder Bitterkeit sind bei ihm nicht zu spüren. Anonyme Briefe und Telefonanrufe, Verleumdungen und Beschimpfungen bestärken ihn nur auf seinem Weg. Was treibt ihn an?

Jesus auf der Gasse

Sepp Riedener hat die Armut hautnah erfahren. Der Vater, ein Störmetzger, war früh gestorben, die Mutter ging waschen und putzen und musste mit den 240 Franken der AHV auskommen. Sepp selber ging als Primarschüler für fünf Franken die Woche in einer Buchhandlung arbeiten. An Weihnachten brachte ihnen die Müttergemeinschaft selbstgestrickte Socken nach Hause, und wenn die Gemeinde in der Schule, jeweils hohe Schuhe an die Ärmsten verteilen liess, hatte der Riedener-Bub vorzutreten. Ein Pater ermöglichte ihm später zu studieren, doch die Armut der Kindertage hat ihn geprägt. "Damals habe ich mir geschworen, dass ich später Sprachrohr für die abhängigen, stimmlosen Menschen sein werde", sagt Sepp Riedener.

Später ist Riedener aus dem Orden der Redemptoristen ausgetreten und liess sich laisieren; er ist verheiratet, Vater. von vier Kindern im Alter von 12 bis 20 Jahren. Das Evangelium, beim Wort genommen, ist ihm verbindliche Richtschnur geblieben. Das heisst für ihn, den Menschen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte führen. "Diese Botschaft, die Jesus verkörpert, ist der Motor für mein Engagement", sagt Riedener.

Nicht nur das Kaputte sehen

Vor ein paar Wochen haben sie im Lebensraum Ibach eine Frau, aidskrank, aufgenommen. Riedener wird fast täglich mit Krankheit und Tod konfrontiert, vor ein paar Wochen hat er einen aidskranken Mann beerdigt. Zwei Monate zu vor hatte er ihn in seiner Pfarrei getraut. Zum Hochzeitsfest kam er im Rollstuhl, bereits vom Tod gezeichnet. Sie hätten damals vom Sterben geredet, erinnert sich Riedener, zum Beispiel über die Kleidung, die er im Sarg tragen wolle.

Trotz allem Elend, das ihn begleitet, ist Sepp Riedener kein bedrückter Mann. Er sieht nicht nur das Kaputte in der Drogenszene. Letzte Weihnachten hat er in der Kornschütte mit 25 Drogenkonsumierenden eine Ausstellung organisiert, die viel Kreativität offenbarte. Riedener ist ein Gratwanderer zwischen seiner gutbürgerlichen Pfarrei, wo er teilzeitlich als Pastoralassistent tauft und predigt, und der Szene der Randständigen.

Ihm sind beide Welten wichtig. Jesus habe im Stall von Bethlehem eine Notunterkunft gefunden, predigte er an Weihnachten von seiner Kanzel, Luzern brauche einen, solchen Stall für die Obdachlosen der Gasse. Die Gläubigen hörten ihn und spendeten mit dem Messopfer 12 000 Franken für den "Lebensraum Ibach".

Siehe auch: http://www.gassenarbeit.ch 

 

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