Lebensraum-Preis 1998
Ansprache Beat Bucher

 
19. Dezember 1998, Rathaus Luzern

 
Meine Damen und Herren
Liebe Freundinnen und Freunde von einem, der heute abend im Mittelpunkt steht und doch nicht da sein kann, von Mani Planzer,

Ich heisse Sie zur Übergabefeier des Lebensraum-Preises 1998 im Namen der Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" herzlich willkommen. Wo in demokratisch verfassten Gemeinschaften jemand vor andern gepriesen wird, darf die Begründung nicht fehlen. Und wo jemand ausgezeichnet wird, der gar nicht mehr lebt, entsteht nachgerade ein Erklärungsnotstand – ein Lebensraum-Preis an einen Toten, das sei, schrieb die Luzerner Zeitung bei Bekanntgabe unseres Stiftungsrats-Entscheids, "mindestens ungewöhnlich". Das stimmt. Indes: Wir stehen zu diesem Entscheid für das Ungewöhnliche, können ihn auch erklären. Im Rückblick scheint es sogar so, dass darin mehr noch als der Stiftungsrat der Ausgezeichnete erkennbar wird.

Die heutige Feier ist nicht eine der Trauer, sondern eine des Trotzes. Der Stiftungsrat hatte 1997 den Komponisten und Bandleader Mani Planzer für den Lebensraum-Preis in Aussicht genommen, schickte sich gerade an, den Entscheid dafür zu fällen, als am 12. Dezember 1997 die Nachricht von seinem Tod eintraf. Traurig genug. Was sollten wir nun tun – uns dem Schicksal beugen? Und die Anerkennung, die wir zum Ausdruck bringen wollten, war sie auf einmal nicht mehr angebracht, wirkungslos? Wir entschieden uns schliesslich gegen die Anmassung des Todes, wir sagten nicht "Schade" sondern "Trotzdem" und erkannten darin schon bald eine Haltung, die auch Mani Planzer eigen war: Das Lebendige, Kreative, Originale, das "Ungewöhnliche" eben, wächst doch eigentlich erst in der Auseinandersetzung mit dem, was sich ihm in den Weg stellt. So ähnlich ist es auch mit den Lebensräumen: Ob ein Lebensraum tatsächlich lebendig ist, Zukunft hat, zeigt sich nicht in seiner Mitte, sondern an seinen Rändern, da, wo Unentwegte Grenzsteine versetzen, wo Unverzagte Brücken in andere Lebensräume schlagen, wo Unbeirrbare noch Licht am Horizont erkennen, wenn alle andern sich bereits mit dem Tappen im Dunkeln abgefunden haben. So spiegelt das Festhalten des Stiftungsrats am postumen Preisträger Mani Planzer just jene ebenso aneckende wie ansteckende Haltung, die ihn preiswürdig machte und macht – seine trotzige Vitalität. Mit ihr ist der grosse Abwesende heute abend gegenwärtig.

Doch was hat das alles, werden Sie fragen, mit dem Lebensraum-Gedanken zu tun, den die Stiftung im Namen führt und zu hüten beauftragt ist? Gerne würde ich Sie zurückfragen, was denn Sie unter "Lebensraum" verstehen. Ist der Lebensraum Luzern etwa schlicht dasselbe wie der Kanton Luzern? Schwingt da nicht eine zusätzliche Qualität mit, ein höherer Anspruch in Bezug auf Lebensqualität? "Lebensraum Schule" beispielsweise heisst ein Projekt, das Schulen dazu einlädt, sich selber nicht bloss als Bildungsstätte zu sehen, sondern ganzheitlich als einen Ort, an dem alle Facetten des Lebens rund um die Schule erfahrbar werden. Und natürlich ist da der ökologische Klang im Wort Lebensraum: Lebensraum für die Vögel und die Frösche, gesunde Luft, intakte Böden, saubere Gewässer undsoweiter – in dieser Färbung begegnen wir dem Begriff fast täglich in den Medien, ja zunehmend, vielleicht proportional zur wachsenden Gefährdung dieser Naturräume. Bekanntlich ist "Lebensraum" die exakte Übersetzung des griechischen Worts "Biotop", das im Bereich des Natur- und Umweltschutzes zuhause ist.

Wir haben es also zunächst mit zwei gängigen Ausprägungen des Begriffs "Lebensraum" zu tun. Der eine zielt ab auf die biotop-ähnlichen Schonräume in der Natur, wo sozusagen ausschliesslich gelebt wird, wo das Leben als Labor unter natürlichen Bedingungen inszeniert wird bzw. als Natur unter Laborbedingungen. Das nenne ich den biotopischen Lebensraum-Begriff. Den anderen Lebensraum-Begriff nenne ich den utopischen, weil er den Lebensraum als Wunschraum vorstellt, entweder nostalgisch in die Vergangenheit projiziert oder antizipierend in die Zukunft gekehrt, ein Raum jedenfalls, in dem ganzheitlich gelebt wird nach dem Muster von Paradiesvorstellungen. Nach meinen Beobachtungen wird heute das Wort "Lebensraum" in diesen beiden Bedeutungen häufig als bequemes Zauberwort verwendet, das auf magische Weise Denk- und Wahrnehmungslücken füllt, ähnlich den paar Dutzend Plastikwörtern, die wir in unserer Sprache wie Legobausteine griffbereit mitführen und immer dann einsetzen, wenn uns das wirkliche Leben, der total verrückte Alltag, in Schrecken oder Staunen versetzt und es uns darob die Sprache verschlägt. Dann stehen uns diese plastifizierten Zauberwörter bei, denn, nicht wahr, Stocken oder Stottern darf nicht sein in unserer schleunigen, glatten Zeit.

Das "wirkliche Leben": Nichts weniger als das hat die Stiftung vor Augen, wenn sie den ihr aufgetragenen Lebensraum-Gedanken umzusetzen, zu verbreiten versucht. Und das "wirkliche Leben" ist für sie eine Vielzahl von Wirklichkeiten, der Lebensraum Luzern eine Vielzahl von Lebensräumen und -wirklichkeiten. Erst der Plural befreit den Begriff Lebensraum aus seiner magischen Umklammerung, von seinem harmonistischen Einheitlichkeitskorsett. Wer das "wirkliche Leben" erfassen will, wird es sowohl mit dem biotopischen wie mit dem utopischen Lebensraum-Begriff bequem verfehlen. Wir haben anzuerkennen, dass Lebensraum in diesem emphatischen Sinne nicht einfach herbeigezaubert werden kann, sondern mit viel Anstrengung und Erfindergeist geschaffen werden muss – dafür brauchen wir als Grundlage einen realistischen Lebensraum-Begriff. 

Also: Lebensräume. Die vorfindbaren Lebensräume indes scheinen immer enger zu werden – eigensinnig definieren sie sich hauptsächlich entweder kulturell oder ökologisch, entweder sozial, ökonomisch oder politisch, sie tendieren zunehmend dazu, sich gegen jeweils andere Lebensräume abzuschliessen. Die Soziologen sprechen auf der individuellen Ebene von wachsender Individualisierung der Lebensverhältnisse, vom Phänomen des jeweils "eigenen Lebens" (Ulrich Beck), und auf der gesellschaftlichen Ebene von der "Ausdifferenzierung des sozialen Systems und der fast ungebremsten Eigendynamik ihrer funktionalen Subsysteme" (Niklas Luhmann u.a.). Die Kulturszene, die Ökobewegung, die soziale Welt, die Wirtschaftsunternehmen, die politischen Parteien – selten gehen sie aufeinander zu, werden Brücken geschlagen, häufig genug sind die Missverständnisse, Konfrontationen, das unverständige Nebeneinander. Gewiss, das alles darf sein, es hat ja auch seine Geschichte. Trotzdem, und da ist es wieder, dieses "Trotzdem": Auch das Verbindende dürfte stärker gelebt werden – Begegnungen, gemeinsame Projekte, gegenseitiges Lernen, der kultivierte Streit, das respektvolle, neugierige Erkunden des jeweils Fremden undsofort. Daraus könnten sich spannende Lösungen ergeben, bunte Netzwerke, in denen Menschen unterschiedlichster Orientierung das Zusammen-Leben und Zusammen-ge-Hören zwischen den Räumen ausprobieren und so – in lustvoller, anstrengender Kleinarbeit – wertvolle Ansätze zu Lebensräumen für die Zukunft schaffen. Nichts Weltbewegendes, aber doch anregende Zeichen im Lebensraum Luzern. Diesem Ziel fühlt sich die Stiftung verpflichtet.

Diesem Ziel will die Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" nachleben einerseits mit der Vergabe eines Förderpreises, den sie zur Zeit gerade neu konzipiert. Nach der Enttäuschung vor einem Jahr, als wir in keinem der zahlreichen Projektgesuche unseren Anspruch eines zugleich ökologischen, kulturellen oder sozialen Vorhabens eingelöst sahen, möchten wir künftig nicht mehr einfach auf ein Wunder warten – den Lebensraum-Zauber gibt es nicht. Wir nehmen uns vor, künftig eine aktivere Rolle zu spielen beim Zusammenführen möglicher Projektpartner. Dazu mehr im nächsten Frühjahr.

Anderseits sind wir überzeugt, auch mit dem diesjährigen Anerkennungs-Preis für Mani Planzer ein Zeichen in diese Richtung zu setzen. Mani Planzer, wir werden es aus berufenerem Munde noch erfahren, war ein unentwegter Netzknüpfer zwischen den Lebensräumen, zwischen den verschiedenen Musikrichtungen (und was für Grenzen stellen sich einem bereits da in den Weg!), zwischen Musik und Literatur, bildender Kunst, darstellender Kunst und Film, und dann auch zwischen der Kunst und den übrigen Lebensräumen, in die er hineinwirken, hineintönen wollte, um ihre Grenzen auszuloten und neu abzustecken, um sie von ihren Rändern her neu zu beleben mit der breiten Palette seiner künstlerischen Mittel. Mani Planzer hat den Lebensraum-Preis 1998 verdient, weil Lebensraum in unserem anspruchsvollen Sinne nur entsteht, wenn es Raumbeleber gibt wie ihn. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Beat Bucher
Präsident des Stiftungsrats "Luzern – Lebensraum für die Zukunft"

Stiftung Luzern - Lebensraum für die Zukunft

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