Lebensraum-Preis 2001
Laudatio für Cécile Malevez

Von Lisa Schmuckli

 
Liebe Frau Malevez
Sehr verehrte Anwesende

Wissen Sie, was es heisst: AUF DIE WELT ZU KOMMEN? 

Nicht nur als Baby geboren zu werden und sich einen ersten Weg in die Welt zu suchen; nein, ich meine vielmehr als erwachsene Person wohl täglich von neuem ‚auf die Welt zu kommen'? – Ich muss gestehen: ich bin nach dem Gespräch mit Cécile Malevez von neuem auf die Welt gekommen. Diese Welt bekam einen neuen Schwung, gleichsam einen eingängigen intensiven musikalischen Rhythmus, der den ganzen Körper erregte, die Seele berührte und das Denken kitzelte, einen Rhythmus mit dem mal harmonischen, mal widerspenstigen Dreiklang: Aneignen – Anpacken – Anstecken. 

Aneignen

Zwei Töchter habe sie geboren – und diese Erfahrungen hätten ihr Leben "von innen heraus verändert" und zugleich grundlegend geprägt, erzählt mir Cécile Malevez. Nach der ersten Geburt realisierte sie eine verpasste Chance: "Ich bin um eine wichtige Erfahrung geprellt worden! Mir ist eine Erfahrung genommen worden!" Eindringlich schaut sie mich während des Gespräches an, unterstreicht mit ihrem Blick in die Vergangenheit, dass die Erfahrung unwiederbringlich ist. Damals habe die Hebamme noch gesagt: "Ich mache das mit Ihnen" – gleichsam so, als würde die Hebamme das Kind zur Welt bringen, nicht die gebärende Mutter gemeinsam mit dem werdenden Vater. Frau Malevez wollte im Rhythmus ihres Körpers und ihrer Bedürfnisse gebären, wollte während des Gebärens eigene Erfahrungen machen, ihre eigenen Entscheidungen treffen, wollte mit dem Partner diese Geburt vorbereiten, wollte sich vom Geschehen auch verändern, berühren lassen. Die Geburt der zweiten Tochter – ich vermute, dass dies nicht nur die Geburt eines Kindes, einer Tochter war; ich hörte im Gespräch zwischen den Zeilen, dass auch Sie, liebe Frau Malevez, nochmals zur Welt kamen, nämlich: zu Ihrem eigenen Thema. 

Sie haben sich das Gebären angeeignet. Ihre Aneignung wiederum lässt mich nicht mehr los: Eine junge Frau, die gebärt und sich voller Neugier in die unbekannten Erfahrungen hinein stürzt. Eine lebenserfahrene Frau, die mir im Gespräch gegenüber sitzt, beschreibt, wie sie von sich aus geht, ohne zu wissen, wo sie ankommen wird. Von sich aus gehen, um wo anzukommen? Frau Malevez ist für mich just in diesem Moment des Suchens und Fragens eine Frau, die die Perspektive wechselt, die sich selber aus der Fixierung einer männlich dominierten Geburtspraxis entlässt und schlicht eine Revolution unter Frauen anstösst: Sie setzt ihr Gebären, ihre Erfahrungen der Geburt in den Mittelpunkt ihres Leben, und befreit 'Geburt' aus der männlichen Machbarkeit und der medizinisch-technischen Perspektive. Ihre persönliche Aneignung, ihre Revolution als Frau und für Frauen, fasst sie in einer bestechenden Lebensphilosophie zusammen: "Jede Geburt ist so zentral, ist ein so entscheidender Beginn, und wenn dieses Beginnen technisch und pathologisch wird, dann ist die Geburt und dieser Beginn selbst aus der Lebendigkeit herausgelöst", erklärt sie mir voller Leidenschaft. 

Ich, die ich ihre Tochter sein könnte, wünsche mir mitten im Gespräch eine zweite Mutter, eine solch leidenschaftlich neugierige Frau. Eine Frau mit einem würdigen Alter, denke ich; ihr Alter bringt für mich zum Ausdruck, dass sie, die Mutter, eine Welt kennt, in der es die Tochter noch nicht gegeben hat, und dass es andererseits aber auch eine Welt geben wird, die sie im Gegensatz zur Tochter nicht mehr erleben wird. Diese Welt der Tochter hat sich hoffentlich die Revolution der Mutter ebenfalls angeeignet und weiterentwickelt.

Anpacken

Von sich aus gehend – und dann Anpacken! Sie, Frau Malevez, packten Ihre neue Welt an: Sie gingen zu jener Hebamme, von der Sie während der zweiten Geburt begleitet worden waren, und forderten sie auf, Sie auszubilden. Sie wollten wissen. Sie wollten lernen. Sie wollten die medizinischen und vor allem die psychosozialen Aspekte rund um die Geburt erkennen. Sie wollten verändern und die Revolution unter Frauen weitertragen. Zuerst begleiteten Sie Ihre Freundinnen und deren Partner bei der Geburtsvorbereitung, sprachen über den Körper, reflektierten die bevorstehende Geburt, diskutierten über das Loslassen und Grenzen-Sprengen, über das Sich-Öffnen während des Gebärens, und verlangten, wahrzunehmen, dass Frau und Mann auf die Geburt hin verändert werden. 

Die Revolution entfaltete explosionsartig ihre Wirkung: Der erste Geburtsvorbereitungskurs à la Cécile Malevez wurde schlicht ein Knüller und verlangte sofort Nachfolgeangebote! Endlich ein Ort, wo die Eigenständigkeit der Frau als Schwangere respektiert und gefördert wurde und wo die Selbstbestimmung des Paares ausgelotet werden konnte. Endlich ein Ort, wo Frauen lernen konnten, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und zu vertreten, wo Männer sich offen über ihre Gefühle und Gefühlsverwirrungen angesichts der Schreie ihrer Partnerinnen austauschen konnten. Ein Ort, wo Frauen einander unterstützten und ein Beziehungsnetz aufbauen konnten, um der Isolation als Mutter entgegen zu wirken. Endlich ein Ort, wo die Frau ihren schwangeren Körper nicht mehr länger als Fremdkörper betrachten musste. 

Die Geburtsvorbereitungen wurden zu einem gefragten und begehrten Ort des Austausches unter werdenden Eltern! 

Stellen Sie sich vor: In den letzten Jahrzehnten hat Frau Malevez über 1500 Paare auf die Geburt vorbereitet – und damit die Selbstermächtigungen der Frauen tatkräftig gefördert und gleichsam einen Kulturwandel des Gebärens mitinitiiert.

Bald schon zeichnete es sich ab, dass die beiden Malevez'schen Hände, so tüchtig und gezielt sie auch anpacken, und ihr Organisationstalent, so phantasievoll es auch zum Tragen kam, der stürmischen Nachfrage nicht mehr gerecht werden konnten. So begann Cécile Malevez, selber Geburtsvorbereiterinnen auszubilden – und 1990 gründete sie ihre Schule: Die Fachschule Frauen und Gesundheit FFG, der bereits 7 Ausbildungsgänge erfolgreich durchgeführt hat und den 8. Kurs plant. 

Die Geburt – oder in Umschreibung des Phänomens: die Erfahrung eines lebensverändernden Überganges, eine Um-Ordnung des eigenen alltäglichen Lebens – dieses Ereignis zog sanft und folgerichtig neue Themen nach sich, nämlich: Pubertät und die Wechseljahre. Geburt, Pubertät, Wechseljahr – die Musik klingt durch. Es sind ähnliche Lebensaufgaben, Rite de Passage im Leben einer jeden Frau. Phasen des Überganges, manchmal sanft von der einen in eine andere Lebensphase fliessend, oft mit Krisen und Umwegen hinüber setzend, als Rite de Passage zumeist voller Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten. ‚Übergang' ist ein wichtiges Thema in der Lebenshaltung von Frau Malevez. "Denn", so meint sie voller beunruhigender Ruhe, "wenn ein Übergang bewältigt werden kann, kann ein ungeheures Potential freigesetzt werden. Dann wird das Leben wie ein neuer Garten..." – und mitten im Gespräch wird die Sinnlichkeit, der Genuss nach der Anstrengung der Neuorientierung spürbar. Und wieder höre ich dieses ungesagte Wort, das für mich mitschwingt und gleichsam den tragend-melancholischen Blues-Ton angibt: eine Befreiung hin zu einer Lust an sich selber. 

Aber wer nun denkt, dass das Engagement mit der eigenen Schule arbeitszeitfüllend und erschöpfend wäre, täuscht sich. Frau Malevez packt weiter an, stösst weiter Frauen und Männer an. Eine Anfrage von einer bosnischen Hebamme animierte sie, in einer Kooperation vor Ort in Bosnien ein Mütter-Gesundheits-Zentrum aufzubauen. Sie ist Schulleiterin und wird nun auch Projektleiterin. Sie thematisiert Übergänge, reflektiert Fremdes im eigenen Leben – und geht selber in die Fremde, um Eigenes zu anzubieten und mit anzupacken. Was im Sommer 2000 mit einem einzigen ersten Pilot-Seminar begann, wuchs sich in diesem Jahr bereits zu 5 Projekten aus. Es sei so wichtig, vor Ort zu sein, meint Frau Malevez beinahe schüchtern. Und fügt hinzu: "Diese Frauen sind regelrecht ausgetrocknet: sie lechzen nach Weiterbildung. Als wir mit Körperarbeiten begannen, ist die Lust gleich eingefahren". Und eine bosnische Frau hätte ihr anvertraut, dass sie nach diesen Körperarbeiten und Geburtsvorbereitungen "erstmals bei sich gewesen sei". Eine Frau, die zu sich kommt, um auf die Welt zu kommen und, später, wohl auch auf die Welt zu bringen, und um auch von sich aus zu gehen...

Anstecken

Immer wieder sitze ich der Frau, die ich loben darf, in Gedanken gegenüber. Eine bewegte, bewegende, eine beseelte Frau, denke ich. 

Als ich nach dem gemeinsamen Gespräch durch die Stadt spazierte, wollte ich am liebsten schwanger werden, und zwar sofort, nur um jene so sinnlich geschilderten Erfahrungen hautnah erleben und wieder mit ihr austauschen zu können. Ich bin angesteckt (worden) – von einer beinahe unheimlichen Faszination der Lebendigkeit gegenüber. Ich war vom Gespräch, von Bildern, von ihrem Rhythmus erfüllt – durch und durch erfüllt, bis in die Seele erfüllt – also doch ‚schwanger'. Erfüllt, um zu gebären. Ich wurde angesteckt, mit alltagsphilosophischen Ideen bereichert und in Bewegung ‚versetzt'.

"Wenn wir uns also in diesem Sinne in Bewegung setzen", schreibt die italienische Philosophin Luisa Muraro, "ist die wichtigste Entdeckung die des Subjektes. Man entdeckt das Subjekt, sich selbst, nicht in der Position des Subjekts, sondern von dem aus, was es vervollständigt: Ich finde mich in der Beziehung mit anderen, bewohnt von Erinnerungen, bewegt vom Begehren. Ich finde also Wünsche, die mich in Bewegung setzen, Erinnerungen, die mich beschäftigen, andere Frauen und Männer, die zu mir sprechen oder die sogar stellvertretend für mich sprechen, vielleicht auch, um mir zu widersprechen!" 

Eine mir wichtige gewordene Erkenntnis aus unserem gemeinsamen Gespräch ist diese leidenschaftliche Weise, zur Welt zu bringen: Frauen und Männer, Bilder und Worte auf die Welt zu bringen, Bilder verkörpern und Worte lebendig machen – eine Kunst, eine spezifische Hebammenkunst. Die afro-amerikanische Dichterin Alice Walker beschreibt diese Kunst, Welten ins Auge zu nehmen, einen Augen-Blick lang bei einem Menschen und seiner Szene und damit bei seiner Welt zu verweilen, mit folgender Geschichte: "Rebecca [ihre kleine Tochter] studiert mein Gesicht aufmerksam, während wir dastehen, sie in und ich vor ihrem Gitterbettchen. Sie hält mein Gesicht sogar mütterlich zwischen ihren kleinen Grübchenhändchen. Dann sagt sie, als könnte es möglicherweise meiner Aufmerksamkeit entgangen sein: 'Mami, in deinem Auge ist eine Welt.' (So wie: 'Jetzt erschrick nur nicht gleich, und tu nichts Unbesonnenes.') Und dann sanft, aber mit tiefem Interesse: 'Mami, wie ist die Welt in dein Auge gekommen?'."

Wissen Sie nun, was es heisst, für Sie persönlich, auf die Welt zu kommen? Vielleicht ist es dieser Rhythmus: Aneignen – Anpacken – Anstecken...

Anstecken. Noch ein letzter Gedanke. Heute wird Ihnen, Frau Malevez, ein Preis ‚angesteckt', der Sie vielleicht weiterhin ansteckt, motiviert. Ein Preis für unspektakulären Idealismus. Vielleicht erinnern Sie sich noch, Frau Malevez, als ich Sie direkt fragte: "Sind Sie eine Idealistin?" Die Antwort, die Sie mir damals gaben, ist noch heute ansteckend: "Wenn ich an einem Thema arbeite, dann gebe ich mich ganz ein: zeitlich. Emotional. Ein Projekt muss Sinn machen, muss eine Lebensphilosophie haben. Mein Profit ist dann, dass ich soo glücklich bin. So erfüllt. Geburtsvorbereitung ist das Schönste, was eine Frau machen kann." 

Ist eine Idealistin nicht eine Person, die hartnäckig, auch gegen Widerstand des trendigen Mainstreams, an einer Idee, an einer Grundüberzeugung festhält und für diese einsteht? Ist eine Idealistin nicht eine Person, die bewundert wird, über deren Power und Energie man sich auch staunt – und die gerade damit aneckt und ansteckt? 

Vielleicht ist eine Idealistin eine Person, die mich wundern lässt. Und Verwunderung ist eine Leidenschaft, die spürbar werden lässt, dass sie immer von einem ersten Mal zeugt.

Angesteckt von ihrem Glück, Frau Malevez, möchte ich Ihnen von Herzen zu Ihrem unspektakulärem Idealismus und zum verdienten Preis gratulieren!

Lisa Schmuckli, 14. Dezember, Willisau

 

Stiftung Luzern – Lebensraum für die Zukunft

  

Zum Seitenanfang  |  homepage QUER