Verleihung des Lebensraum-Preises 2004

Ansprache von Beat Bucher 

Präsident des Stiftungsrates


Meine Damen und Herren

Im Namen der Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" heisse ich Sie zur feierlichen Verleihung des Lebensraum-Preises 2004 herzlich willkommen. Besonders herzlich begrüsse ich natürlich all jene, die zum Team des RomeroHauses gehören: Sie sind heute für die Dauer dieser Feier Gäste im eigenen Haus, und wir dürfen so lange Ihre Gastgeber sein. –  An dieser Stelle habe ich beim Schreiben dieser Ansprache lange gezögert fortzufahren: Stimmt das wirklich – Sie unsere Gäste, wir Ihre Gastgeber? Die Formel liegt zwar auf der Hand, aber sie trifft nicht zu – und zwar, wie ich inzwischen glaube, hat dies zu tun mit dem RomeroHaus selber. Aber davon später.

Denn zunächst möchte ich Ihnen die Stiftung und ihr Verständnis von Lebensraum etwas näher vorstellen und erst dann auf den besonderen Lebensraum RomeroHaus zu sprechen kommen. Mit jedem neuen Preisträger lernen wir selber unser Lebensraum-Verständnis etwas besser kennen.

"Lebensraum" – finden Sie nicht auch, dass dies ein schönes Wort, ein tauglicher Begriff ist? Er verspricht Weite, Vielfalt, Lebendigkeit, ein friedliches Miteinander von Mensch und Tier, von Menschen und Menschen. Nun, vielversprechend ist der Begriff, seit er vor gut hundert Jahren erstmals verbreitet wurde, aber anders als in Deutschland kennen hierzulande nur wenige seine dunkle Vergangenheit. Der deutsche Geopolitiker Friedrich Ratzel fasste in seiner Lebensraum-Theorie Geschichte auf als einen "permanenten Kampf um Lebensraum" (zuletzt in: "Der Lebensraum", 1901). Das war noch einigermassen unverfänglich. Gestützt auf diese Theorie benutzten dann aber die Nazis "Lebensraum" als propagandistisches Schlagwort für den, wie sie sagten, "gerechten" Kampf des deutschen Volkes um Raum und Boden. "Lebensraum" wurde zum zentralen Kampfbegriff des nationalsozialistischen Expansionswahns, der "Lebensraum im Osten" sollte – unter Zwangsumsiedlung, Ausbeutung und Tötung von Millionen slawischer Bewohner – als Siedlungsgebiet des ger-manischen Herrenvolks erobert werden. Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1941 war dann bekanntlich das Mittel ihrer rassenbiologisch fundierten Lebensraum-Politik.

"Lebensraum" ist also ein belastetes, ein vergiftetes Wort, eines aus dem "Wörterbuch des Unmenschen". Weil es dennoch auch ein schönes, brauchbares Wort ist, müssen wir es uns erst wieder aneignen, gewissermassen zurückerobern. Denn noch in den heutigen sorglos-unbelasteten Verwendungen des Worts "Lebensraum" schwingt häufig – und darum erzähle ich überhaupt aus dieser Wortgeschichte – etwas von jenen Eroberungs- und Bereinigungsphantasien mit, die es einst so vergifteten. Was ist es, was sich verändert, wenn wir statt "Kanton Luzern" "Lebensraum Luzern" sagen, statt Schule "Lebensraum Schule"? Da klingt etwas nach mehr, nach einer höheren Qualität. Und natürlich ist da der ökologische Klang im Wort Lebensraum: Lebensraum für die Vögel und die Frösche, gesunde Luft, intakte Böden, saubere Gewässer undsoweiter – in dieser Färbung begegnen wir dem Begriff fast täglich in den Medien, ja zunehmend, vielleicht proportional zur wachsenden Gefährdung dieser Naturräume. Bekanntlich ist "Lebensraum" die exakte Übersetzung des griechischen Worts "Biotop", das im Bereich des Natur- und Umweltschutzes zuhause ist.

Wir haben es also zunächst mit zwei gängigen Ausprägungen des Begriffs "Lebensraum" zu tun. Der eine zielt ab auf die biotop-ähnlichen Schonräume in der Natur, wo sozusagen ausschliesslich gelebt wird, wo das Leben als Labor unter natürlichen Bedingungen inszeniert wird bzw. als Natur unter Laborbedingungen. Das nenne ich den biotopischen Lebensraum-Begriff. Den anderen Lebensraum-Begriff nenne ich den utopischen, weil er den Lebensraum als Wunschraum vorstellt, entweder nostalgisch in die Vergangenheit projiziert oder antizipierend in die Zukunft gekehrt, ein Raum jedenfalls, in dem ganzheitlich gelebt wird nach dem Muster von Paradiesvorstellungen. 

Für die Stiftung steht weder der eine noch der andere Begriff im Vordergrund, beide sind uns zu lebensfern und zu wenig lebendig. Das hängt, denke ich, damit zusammen, dass sie im Singular stehen und daher nicht atmen können. Lebensraum, hier und heute, das sind vielfältige, eigensinnig voneinander abgegrenzte Wirklichkeiten, die erst im Aufeinanderprallen oder im Zusammenspiel zu pulsieren beginnen. Erst im Plural kommen einerseits ihre Defizite zum Vorschein: Denn deutlich genug wird heutzutage ja auch, dass diese Lebensräume zwar benachbart, aber häufig unverbunden sind, aufeinander angewiesen, aber dennoch einander fremd, einst zusammengehörten, nun aber immer eigendynamischer letztlich auseinanderdriften: die Kulturszene, die Öko-Engagierten, die Politikerkaste, die Welt der Arbeitslosen, die Manager, die noch nie so weit entfernt waren selbst von ihren eigenen Angestellten, die Migrantinnen und Migranten in unserem Land, aufgesplittert nach kultureller und religiöser Herkunft, die Golfer, die Besucher von parteipolitisch eingefärbten Buurezmorge ebenso wie die Kirchgängerinnen oder die Hip-Hop-Szene – alle sind sie mehr oder weniger unter sich, sie wissen voneinander, ohne sich wirklich zu kennen, geschweige denn zu begegnen. Gewiss, das alles darf ja sein. Aber ist es gut, wenn es auch so bleibt, ja wenn die soziale Verinselung sich sogar weiter verstärkt?

Anderseits sehen wir nämlich, wenn wir den Lebensraum Luzern im Plural denken, überhaupt erst auch seine Potentiale, die Möglichkeiten, die in dieser Vielfalt stecken. Sichtbar wird auch, dass ein Lebensraum wie der unsrige keiner wie auch immer gearteten Einheitsidee folgt und im Zeichen einer solchen Idee erobert werden kann, sondern dass Lebensraum in diesem emphatischen Sinne mit viel Mut und Erfindergeist täglich neu geschaffen und gestaltet werden muss, und zwar an allen Ecken und Enden. Diese Gestaltungsarbeit ist eine Arbeit in Zwischenräumen. Die Stiftung "Luzern – Lebensräume für die Zukunft" hat sich, um dies zu kennzeichnen, vor zwei Jahren ein zusätzliches Wort angeeignet: Es heisst "quer". Es bringt zum Ausdruck, dass die machtvolle vertikale Dynamik in unserer Gesellschaft, welche die beschriebene soziale Ausdifferenzierung und Individualisierung bis zur Entsolidarisierung vorantreibt, dass diese machtvolle vertikale Dynamik auf der horizontalen Ebene eine Gegendynamik provoziert, die es zu fördern gilt. Diese Gegenkraft deckt die Defizite in und zwischen den Lebensräumen ebenso auf wie sie die Potentiale in und zwischen den Lebensräumen entdeckt und konstruktiv gestaltet. Die medial unterstützte, jedenfalls in aller Öffentlichkeit voranschreitende Stromlinienförmigkeit unseres Denkens und Handelns, die nichts mehr und nichts weniger will als das selbstzufriedene Privatisieren in unseren kleinen Welten voranzutreiben, ist im Grunde ein Frontalangriff auf den öffentlichen Raum: Sie droht, ihn zum Verschwinden zu bringen. Der öffentliche Raum, das sind die prekären Zwischenräume zwischen den Lebensräumen, die ich vorhin erwähnte. Den innovativen Gestalterinnen und Gestaltern dieses öffentlichen Raums gilt letztlich – mit vergleichsweise verschwindend bescheidenen Mitteln – die Aufmerksamkeit und die Sorge der Lebensraum-Stiftung. Lebendige Lebensräume sind auf Raumbeleberinnen und Raumbeleber angewiesen.

Sie können es der Selbstbeschreibung in unserer Einladung entnehmen: Unter dem Motto "quer" fördert und anerkennt die Stiftung Initiativen und Leistungen, die etwas quer in der Landschaft stehen, sie zeichnet Personen und Institutionen aus, die – am Lebendigen und Schöpferischen orientiert – Brücken in jeweils andere Lebensräume schlagen und Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen ermöglichen. Damit ist ein Lebensraum-Begriff beschrieben, der kein biotopischer und kein utopischer ist, sondern ein heterotopischer – in den Räumen des RomeroHauses, die immer wieder auch der intellektuellen Reflexion als Zufluchtsort dienen, wage ich diesen Begriff und will ihn gleich anhand des Lebensraums RomeroHaus, bei dem wir nun endgültig angelangt wären, auch illustrieren. 

Der "heterotopische" Lebensraum-Begriff: Sie kennen das griechisch "heteros" aus andern Wortverbindungen, es heisst "anders, andere", Heterotopien sind – im Gegensatz zu Utopien – wirkliche, aber andere Räume. Anders als Utopien, die sich auf Räume ausserhalb des Gewohnten und Bewohnten beziehen, wollen Heterotopien bisher wenig erprobte Formen der Geselligkeit und des gesellschaftlichen Miteinanders innerhalb des gemeinsam bewohnten politischen Raums heimisch machen. (Der Begriff Heterotopie stammt übrigens nicht von mir: Von Michel Foucault: espaces autres, 1967/1984, bis Helmut Willke: Heterotopia, 2003, ist dazu viel Eindrückliches nachzulesen).

Das RomeroHaus, meine ich, ist in zweifacher Hinsicht ein solcher "anderer Raum":

1. Im Romero-Haus erhält das Andere, erhalten Menschen und Ideen aus andern Lebensräumen Zeit und Raum sich zu zeigen, zur Auseinandersetzung und zur Begegnung. Das RomeroHaus ist kein Missionszentrum, weder im engeren noch im weiteren Sinne: Es hat gerade nicht vor, mit der einen und eigenen Wahrheit Anderes und Andere zu dominieren und zu kolonisieren, eigene Ansichten und Überzeugungen andern Menschen unterzujubeln. Ich kenne die Geschichte der Missionsgesellschaft Bethlehem nicht; aber ich kann mir vorstellen, dass das RomeroHaus vor dem Hintergrund der christlichen Missionsgeschichte so etwas wie ein Denkmal der Umkehr darstellt: Seine Ausstrahlung als anderer Ort gewinnt es nicht durch die Missionierung Andersgesinnter, sondern durch seine Mission, dem Anderen, Fremden und Unbekannten Raum zu bieten. Diese Mission geht einher mit einer Haltung des Respekts (pietas), der Nächstenliebe (caritas) und der Neugier (curiositas).

2. Das RomeroHaus ist in Luzern ein wichtiger Teil des öffentlichen Raums, der entsteht und lebendig und wirksam wird, sobald Menschen aus unterschiedlichen Lebensräumen sich auf ihn einlassen und ihn nutzen. In diesem anderen Raum sind alle gleichberechtigt, Fremde etwa sind Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch wenn sie zugleich anders und woanders sind. Unterschiedlichkeit wird nicht kultiviert, sondern akzeptiert und damit die Voraussetzung geschaffen, dass – ohne Zwang zu irgendeiner Einheitlichkeit – neue Verknüpfungen entstehen. Das bedeutet nicht, dass das RomeroHaus dem Zufall überlässt, wer und welche Themen im Zentrum dieses öffentlichen Raumes stehen. Es heisst nur, dass die Menschen und ihre Themen, die Gäste eben, im Zentrum stehen. Aber wer ist – und damit komme ich auf die zu Beginn offen gelassene Frage nach Gast und Gastgeber zurück – wer ist Gastgeber in einem öffentlichen Raum dieses Typs? Niemand: In "anderen Räumen", in heterotopischen Lebensräumen, gibt es ausschliesslich Gäste. 


Auch hier und heute ist das so. Diese Preisverleihung ist eine typische "Teilete" – wer daran teilnimmt, bringt mit, was er oder sie gerade zur Verfügung hat: Wir als Stiftung ein wenig Geld und eine etwas zu lange Begrüssungsansprache, Sie als Publikum eine beeindruckend grosse Portion Ermutigung und das RomeroHaus das, was sonst fehlen würde für eine gelungene Feier: den ganz speziellen Geist dieses Hauses.

Zum Schluss habe ich nun noch die grosse Freude, Ihnen Frau Dr. Klara Obermüller anzukündigen. Sie wird nach einem musikalischen Intermezzo den Preisträger eingehend würdigen. Liebe Frau Obermüller, für den Stiftungsrat passen Sie perfekt in diesen Lebensraum RomeroHaus und sind eine Idealbesetzung für die heutige Aufgabe als Laudatorin. Für Ihre Zusage, heute ein besonderer Gast unter uns Gästen zu sein, danke ich jetzt schon sehr herzlich.

Ihnen allen danke ich für die Aufmerksamkeit.

Zur Laudatio von Klara Obermüller  |  Dankeswort Toni Bernet  

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