Verleihung des Lebensraum-Preises 2004

Laudatio von Klara Obermüller 


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

irgendwann im Verlauf der neunziger Jahre hat ein Begriff in die deutsche Sprache Einzug gehalten, dem ich – wenn ich denn darüber zu befinden hätte – Bild Klara Obermüller die Ehrenbezeichnung "Unwort des Jahrzehnts" verleihen würde. Ich meine den Begriff "Gutmensch" bzw. "Gutmenschentum". Damit werden nicht etwa Menschen oder Institutionen bezeichnet, die man für gut hält, sondern solche, von denen man weiss, dass sie sich für eine Sache engagieren, die ihnen besonders am Herzen liegt: für Frieden und Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung, für die Gleichstellung der Geschlechter, für die Rechte der Armen, für Solidarität mit der Dritten Welt und Anderes mehr. 

Dass dies – nebenbei bemerkt – allesamt "gute" Anliegen sind, ändert nichts daran, dass die Begriffe "Gutmensch" und "Gutmenschentum" nie anders als mit einem abschätzigen oder höhnischen Unterton verwendet werden. In einer Welt, in der es einigen unverschämt und vielen noch immer sehr gut geht, ist es offensichtlich weder trendy noch cool noch hip, sich für Menschen einzusetzen, die unter Benachteiligungen welcher Art auch immer zu leiden haben. Engagement gilt – zumindest in der veröffentlichten Meinung – als eine Haltung von gestern, die man im günstigen Fall belächelt, im schlimmeren verachtet und in jedem Fall für so hoffnungslos out hält wie Latzhosen, Birkenstocksandalen und Regenbogenfahnen. 

Auf Kosten von "Gutmenschen" oder das, was man dafür hält, darf man sich ungestraft lustig machen und im Spott auch das letzte Restchen schlechten Gewissens ertränken, das einen bisweilen vielleicht noch plagt. Obwohl oder gerade weil "Gutmenschen" im Grunde das tun, wozu man selber zu feige ist, werden sie abgestraft und mit ihnen auch all jene Anliegen in Misskredit gebracht, die sie vertreten.

Ich fürchte, dass für viele Zeitgenossen auch das RomeroHaus und seine Mitarbeitenden zur Gattung des Gutmenschentums gehören und somit willkommenen Anlass bieten, die Nase zu rümpfen. Nicht so für die Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft". Sie ehrt das Haus gerade, weil es sich engagiert und weil es sich mit Fragen auseinandersetzt, die – so die Stiftung – "für unsere Gesellschaft überlebenswichtig, aber häufig wenig beachtet sind". Zu den Themen, die das RomeroHaus, wie es in der Begründung weiter heisst, "mit spürbarer Sorgfalt, Lust und Hartnäckigkeit aufbereitet und hütet", gehört – wen wundert's – so Manches, das von den Meinungsmachern unserer Gesellschaft als Anliegen von Gutmenschen, will heissen, als überholt, naiv oder utopisch abgetan wird. 

Das RomeroHaus schwimmt in der Tat gegen den Strom. In einer Zeit, da jeder nur noch für sich selber schaut, setzt es auf Werte wie Solidarität und Barmherzigkeit. In einem religiösen Umfeld, das sich entweder dogmatischer Verhärtung oder subjektiver Beliebigkeit verschrieben hat, bekennt es sich zu den Grundsätzen der Befreiungstheologie und engagiert sich gleich ihr für die Entrechteten dieser Welt. In einer Gesellschaft, die Profitgier, Karrieresucht und Machtgehabe mit Geld und Ansehen belohnt, hält es weiterhin und unbeirrt den Glauben an ein partnerschaftliches Verhältnis der Geschlechter und die Verbundenheit der Generationen wach. Ideen wie Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Integration von Fremden und Dialog zwischen Kulturen und Religionen werden im RomeroHaus gross geschrieben.

Mit solchen Positionen liegt das RomeroHaus zur Zeit effektiv nicht im Trend. Und das ist auch gut so. Denn wem heute der Wind ins Gesicht bläst, wird ihn morgen im Rücken haben. Was morgen not tut, wird heute geboren. Das RomeroHaus ist – wie die Stiftung, von der es heute geehrt wird – auf Zukunft ausgerichtet. Es greift nicht einfach nur die Themen auf, die in der Luft und in aller Leute Mund liegen (das tut es auch, wenn es angezeigt ist); es schaut vielmehr voraus und spürt jene Probleme auf, die uns morgen zu schaffen machen werden. 

Das war schon vor 20 Jahren so, als die "Bethlehem Mission Immensee" das Bildungs- und Begegnungshaus am Stadtrand von Luzern eröffnete und ihm den Namen eines Mannes gab, der in seiner Heimat, El Salvador, gegen die Interessen der Herrschenden für die Rechtlosen und Armen Partei ergriffen hatte. Oscar Arnulfo Romero hat seinen religiösen und politischen Einsatz mit dem Leben bezahlt: Am 24. März 1980 wurde der Erzbischof von San Salvador während einer Eucharistiefeier am Altar seiner Kirche erschossen. Ein Vertreter der "Kirche der Armen", die "Stimme der Stimmlosen", war für immer zum Verstummen gebracht worden. In dem Kraft und Wärme ausstrahlenden Backsteinbau an der Kreuzbuchstrasse in Luzern lebt etwas von seinem Geist bis heute weiter.

Dem RomeroHaus erging es im Verlauf seiner Geschichte, wie es vielen Pionieren in Kultur, Politik und Gesellschaft ergeht: Zuerst war es seiner Zeit weit voraus. Mit der Betonung befreiungstheologischer, feministischer, entwicklungspolitischer und ökologischer Fragen setzte es Themen auf die Agenda, die in einer breiteren Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen wurden. Das RomeroHaus gab Impulse und setzte Menschen in Bewegung. 

Auf diese Zeit des Aufbruchs folgte dann eine Phase der inneren Konsolidierung und gleichzeitig auch der öffentlichen Akzeptanz. Die in seinen Veranstaltungen, Kursen und Tagungen behandelten Anliegen begannen sich über den engen Kreis der direkt Beteiligten hinaus durchzusetzen. Das RomeroHaus strahlte aus, sein Engagement zeigte Wirkung. Die Ideen sowohl der Friedens- wie auch der Frauen- und Umweltbewegung fanden Eingang in parteipolitische Programme und kirchliche Initiativen und wurden schliesslich auch von breiteren Kreisen der Bevölkerung rezipiert. 

Doch der Backlash liess nicht lange auf sich warten. Zuerst war es der Boom, dann war es der Crash, die das Klima vergifteten. Eine immer rücksichtsloser sich gebärdende Wirtschaft wurde zum Mass aller Dinge und liess Drittweltprogramme, Gleichstellungsprojekte und Umweltkonzepte mit einem Mal als überflüssig, unrentabel und inopportun erscheinen. Vieles, was mühsam aufgebaut worden war, fiel Sparübungen oder ideologischen Kehrtwenden oder beidem zum Opfer. Im Zeichen der nun geltenden Devisen Flexibility, Efficiency und Competition fanden Tugenden wie Behutsamkeit, Achtsamkeit und Rücksichtnahme nur noch schwer ihren Platz. Die Grundsätze, denen sich das RomeroHaus seit je verpflichtet fühlte, schienen mit den Anforderungen einer globalisierten Welt nicht mehr kompatibel. Wer heute durch die Maschen fällt, ist selber schuld. Kolalateralschäden gibt es überall, nicht nur im Krieg.

Diese Entwicklung der letzten Jahre hat, wie vielen von uns, gewiss auch Ihnen vom RomeroHaus zu schaffen gemacht. Es war frustrierend zu erleben, wie das, woran man geglaubt und wofür man sich engagiert hatte, plötzlich nichts mehr galt. Umweltschutzprogramme – schön und gut, aber sie sind zu teuer und schaden der Wirtschaft. Frauenförderung – nicht mehr nötig. Wer will, schafft es, aber viele wollen eben gar nicht. Den Männern soll's recht sein. Befreiungstheologie – gut gemeint vielleicht, aber viel zu politisch und wie alles, was einmal links war, äusserst verdächtig. Eine solidarische Gesellschaft – wozu, wenn es sich doch mit dem Verweis auf Eigenverantwortung viel ungehemmter wirtschaften lässt?
Gegenwärtig sind wir Zeuge, wie unsere Gesellschaft umgebaut oder zumindest der Versuch dazu unternommen wird. Abbau der Sozialwerke, Aufkündigung des Generationenvertrags, Abstriche bei Entwicklungs- und Umweltprojekten, schwindender Schutz für Arme und Schwache – das alles sind Phänomene, die vielen von uns zu schaffen machen. In dieser Situation ist eine Institution wie das RomeroHaus mit seinen Grundsätzen, seinen Visionen und seinen Erfahrungen besonders wichtig. Es bietet Raum für Besinnung und Reflexion, es bringt sich ein in den öffentlichen Diskurs, es trägt bei zur intellektuellen und spirituellen Orientierung. Und es hält dabei an Positionen fest, die andere längst über Bord geworfen haben. Erstaunlicherweise liegt es gerade dadurch in einer Zeit reaktionärer Stagnation auf einmal wieder ganz vorn, gerüstet für eine Zukunft, die eben erst begonnen hat.

So hat man im RomeroHaus zum Beispiel rechtzeitig erkannt, dass religiöse Bildungsarbeit heute mehr denn je auf zwei Schwerpunkte setzen muss: auf gesellschaftspolitische Orientierung und auf geistige Besinnung. "Sehnsucht Spiritualität" und "fairplay: weltweit" – das Bedürfnis nach dem einen ist so gross wie der Hunger nach dem andern. Richtig verstanden, handelt es sich dabei auch gar nicht um Gegensätze, sondern um sich ergänzende Bereiche. Denn Spiritualität, wie sie im RomeroHaus – nicht erst seit heute – verstanden wird, folgt eben gerade nicht dem modischen Trend individualistisch-emotionaler Verengung und Beliebigkeit, sondern sie will eine "Spiritualität des Alltags" sein, die nie den Bezug zur gesellschaftlichen Realität des Menschen aus den Augen verliert. 

Der Geist, der im RomeroHaus waltet, hat viel mit dem Mystik-Verständnis einer Dorothee Sölle zu tun und mit dem, was Johann Baptist Metz einmal die "Mystik der offenen Augen" genannt hat: Mystik, verstanden "nicht als rein selbstbezügliche Wahrnehmung, sondern als gesteigerte Wahrnehmung fremden Leids". Die Bildungsarbeit im RomeroHaus ist so konzipiert, dass sie Herz und Verstand gleichermassen anspricht und auch die Frage nach der tätigen Umsetzung von Ideen – die Frage nach dem Beitrag unserer Hände – nie ausser acht lässt. Ganz im Sinne jenes Wortes von Oscar Romero, das im Haus-Prospekt steht und lautet: "Jeder Mensch, der sich für Gerechtigkeit einsetzt, arbeitet für das Reich Gottes." Dass "Gerechtigkeit" für Oscar Romero kein abstrakter Begriff war, wissen wir spätestens seit dem Tag, da er sein Engagement für gerechtere Verhältnisse in seinem Land mit dem Leben bezahlte.

Das RomeroHaus ist eine religiöse, und es ist eine katholische Institution, gegründet von den Immenseer Missionaren. Aber die Zeiten sind längst vorbei – im RomeroHaus fanden sie eigentlich gar nie statt -, da dieser Hintergrund als etwas Exklusives verstanden wurde. In vielen Bereichen arbeitet das RomeroHaus längst mit katholischen und reformierten Kirchgemeinden zusammen, manche Veranstaltungen, etwa zum Thema Ausländerintegration oder interreligiöser Dialog, sind Anlässe für die ganze Region, und die Gästeliste der letzten 20 Jahre liest sich wie ein "Who is Who" aus Kirche, Kultur und Gesellschaft.
Im RomeroHaus kann man einem lateinamerikanischen Bischof ebenso begegnen wie einer Schweizer Schriftstellerin, einem Rabbiner ebenso wie einer Journalistin, einem Theologen, einer Musikerin oder einem Soziologen. Was auf den ersten Blick disparat wirken mag, bekommt einen inneren Zusammenhalt durch das zum Programm erhobene Bemühen, Welten miteinander zu verbinden, Zusammenhänge zu verstehen und unsere Erde ein kleines bisschen wohnlicher zu machen.

Auch ich hatte hin und wieder das Glück, Gast im RomeroHaus zu sein. Wenn ich den dicken Packen eng gedruckter Excel-Listen richtig durchgelesen habe, dann war es erstmals im Herbst 1987 an einem Abend über Bruder Klaus und einem über seine Frau Dorothee und letztmals im Oktober vergangenen Jahres bei der Moderation eines Gesprächs zwischen der Palästinenserin Viola Raheb und dem Zürcher Rabbiner Tovia Ben-Chorin. Wenn mich jemand fragen würde, woran es liegt, dass ich immer wieder gern ins RomeroHaus komme, dann würde ich sagen: Es sind die spannenden Themen, die interessanten Gesprächspartner, und es ist vor allem die Atmosphäre: Es ist diese Achtsamkeit, die man hier den Inhalten schenkt, diese Glaubwürdigkeit, mit der man seine Anliegen vertritt, und diese Fürsorge, die man den an den Projekten beteiligten Menschen entgegenbringt. 

Auch dies, denke ich, hatten die Verantwortlichen der Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" im Sinn, als sie sich entschlossen, das RomeroHaus mit ihrem diesjährigen Preis auszuzeichnen. Räume, in denen solche Tugenden gepflegt werden, braucht unsere Gesellschaft mehr denn je. Und wir brauchen sie nicht irgendwo, sondern dort, wo wir selbst leben und arbeiten. Wir brauchen Räume, in denen wir einander begegnen und gemeinsam über Probleme und die mögliche Veränderung herrschender Zustände nachdenken können. Wir brauchen Räume, um zu lernen, um zu meditieren und manchmal auch um zu feiern. 

"Jeder Mensch, der sich für Gerechtigkeit einsetzt, arbeitet für das Reich Gottes", hat Bischof Romero gesagt. Hier, in dem Haus, das seinen Namen trägt, werden immer wieder Räume geschaffen, damit es einkehren kann. 

Zur Begrüssungsansprache Beat Bucher  |  Zum Dankeswort Toni Bernet  |  Preisurkunde 

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