Verleihung des Lebensraum-Preises 2004

Ansprache Toni Bernet-Strahm, Direktor RomeroHaus
  

Toni Bernet nimmt von Stiftungsrätin Erika Bachmann den Anerkennungspreis entgegen

Dankeswort von Toni Bernet

     

Sehr geehrte Stiftungsrats-Mitglieder der Stiftung "Luzern - Lebensraum für die Zukunft"
Liebe Anwesende

Es ist eine der schönsten Aufgaben eines Leiters einer Unternehmung, im Namen seiner Institution Dank zu sagen. Und es ist für mich eine grosse Ehre, die Rolle des Preisempfängers übernehmen zu dürfen und im Namen des RomeroHaus für die Übergabe des Lebensraumpreises 2004 zu danken. Herzlichen Dank der Stiftung "Luzern - Lebensraum für die Zukunft", herzlichen Dank allen Mitgliedern des Stiftungsrates für diese Wahl, herzlichen Dank ganz besonders auch Frau Dr. Klara Obermüller für diese ehrenvolle Laudatio.

Diese Anerkennung tut gut, gibt Mut, an unseren Themen dran zu bleiben, sie dient der Bekanntheit und dem Image des RomeroHauses, ehrt die Trägerin des RomeroHauses, die Bethlehem Mission Immensee, und ist eine tolle finanzielle Unterstützung.
Anerkennung für das RomeroHaus, das heisst, Anerkennung für viele Personen und Mitträgerinnen und Mitträger, Gönner und Gönnerinnen. 

Zuerst sicher einmal für die Gründer des RomeroHauses, die SMB, die Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee, die 1986 das RomeroHaus eröffnete.

Vor zwanzig Jahren schon war das ein höchst aktueller Gedanke: Mission und Einsatz für Gerechtigkeit können nicht nur durch Projekte und Einsätze in Afrika, Asien und Lateinamerika geschehen. Jegliche wirkungsvolle Armutsbekämpfung auf unserem Globus bedingt ein Umdenken und ruft nach neue Initiativen auch bei uns in den reichen Ländern. Ein solcher Ort der Sensibilisierung zu sein, das ist die Bestimmung des RomeroHaus seit Beginn. Hier sollten Handlungsansätze für die Überwindung der gewaltigen globalen Ungleichgewichte propagiert werden und viele Menschen zum Nachdenken und Umdenken animiert werden. 

Stellvertretend für alle innovatorischen Geister der Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee möchte ich dem bei der Gründung verantwortlichen Oberen P. Joe Elsener Dank und Anerkennung weiterleiten. Er ist hier unter uns anwesend, weil er trotz Pensionsalter im Veranstaltungsbereich aktiv mitarbeitet.

Diese Anerkennung und Ehrung, die mit der Verleihung des Lebensraum-Preises verbunden ist, möchte ich vor allem aber an alle Mitarbeitenden im RomeroHaus weiterleiten: Mitarbeitende in der Veranstaltungsgruppe, im Kurswesen, im Seminar, in der Bibliothek und in der Betreuung und Bewirtung unserer Gäste. Die Atmosphäre des Hauses und das Image unseres Bildungsprogrammes ist ihr Werk und ihre Leistung, und zwar Tag für Tag, Kurs für Kurs und Veranstaltung für Veranstaltung.
Sie gestatten, dass ich mir die Zeit nehme, alle Mitarbeitenden namentlich zu erwähnen, die gegenwärtig im RomeroHaus - zum Teil mit sehr kleinen Teilzeitpensen - angestellt sind.

Paula Aires 
Brigitta Berger 
Othmar Eckert , unser genialer Gastpater
Joe Elsener 
Fritz Frei 
Paul Gmünder 
Fernando Goncalves 
Ruth Greter Huser, zuständig für Gastgruppen
Li Hangartner, Leiterin der Veranstaltungsgruppe und feministische Theologin 
Andreas Heggli, der in langjähriger Arbeit den Kursbereich aufbaute 
Ernst Peter Heiniger
Josefine Käppeli 
Sepp Kathriner
Antonio Lemos 
Lydia Leumann 
Renate Metzger-Breitenfellner 
Monika Muri-Vogel, zuständig für die Hauswirtschaft
Dorine Rehor, Bibliothek
Marianne Röösli
Rosa Schelbert 
Josef Schönenberger, Regens des Seminars
Maria Sigrist 
Doris Sommer 
Esma Vuckic 
Rita Zietlow 

Besonders hervorheben möchte ich natürlich meine beiden Vorgänger in der Leitung des RomeroHauses. Ich bitte, dass sie sich zeigen und aufstehen. So leite ich die Anerkennung weiter an Euch, José Amrein, meinen unmittelbaren Vorgänger als Leiter (Applaus) und dann an den ersten Direktor des RomeroHauses, der die Konzeption des RomeroHauses lange Jahre stark mitgeprägt hat, nämlich Justin Rechsteiner, heute Pfarrer der Pfarrei St. Maria zu Franziskanern. 

Mit Anerkennungen und Ehrungen ist es so eine Sache, die einen erhalten sie, den andern wird sie verwehrt. Damit will ich an unseren Patron, Erzbischof Oscar Romero erinnern, der vor 24 Jahren in San Salvador ermordet wurde, nachdem er sich bloss drei Jahre zuvor zu seinem politisch wirkungsvollen, befreiungstheologischen Engagement "bekehrt" hatte, wie er selber sagte. Drei Jahre radikale Existenz an der Seite der Armen, Sonntag für Sonntag in mutigen Radiopredigten öffentlich gemacht, hat ihn über El Salvador hinaus weltbekannt gemacht. Nur Rom zögert noch, ihn auch zu den Ehren der Altäre zu erheben, aber das liegt nicht an Romero, sondern an den Verwaltern der Altäre. Aber was soll's: das Volk in Lateinamerika hat ihm schon längst höchste Anerkennung entgegengebracht und ihn "von unten" heilig gesprochen.

Damit jetzt keine Missverständnisse aufkommen, ich denke, ich kann sehr wohl unterscheiden, zwischen einer Heilig-Sprechung im Vatikan und einer Lebensraumpreis- Verleihung im Kanton Luzern. 

Aber neben aller Freude können da schon auch Identitätsfragen aufkommen. Deshalb haben es Heilige leichter, sie sind schon tot und haben erreicht, was sie mussten.

Wir werden morgen wieder an die Arbeit gehen. Mit einem Preis auf dem Buckel, der zwar ehrt, aber auch herausfordert. Mit dem mit dem Preis verbundenen Geld wissen wir, was wir tun werden: Wir werden es dafür einsetzen, dass wir in unserem Foyer beim Empfang eine etwas gastlichere Umgebung kreieren können, damit unsere Gäste nach einer Veranstaltung oder einem Kurs noch ungezwungen miteinander oder mit den Referenten zusammensitzen und einander begegnen können. Mit der Anerkennung ist es etwas schwieriger: Anerkennung ist ja nicht nur Lob, sondern auch Erwartung und auch eine Institution hat eine Seele, die manchmal sehr sensibel reagiert.

Vor allem dann, wenn sie von einer zwar ehrwürdigen Stiftung ausgezeichnet wird, die als ihr Motto auf dem Briefpapier gross stehen hat: "quer".
Gut, quer heisst ja nicht schräg und wir sind offensichtlich nicht die Einzigen, die etwas quer stehen. Und so habe ich mir unsere Vorgängerinnen und Vorgänger, die den Lebensraum-Preis erhielten, etwas näher angeschaut, mit dem Hintergedanken: "Sag mir, in welcher Gesellschaft du dich befindest und ich sage dir, wer du bist"
Das Internet hat mir dabei weitergeholfen: unter www.stiftungluzern-quer.ch 

Sind wir quer genug, wenn da "Köpfe, Projekte und Provokationen" durch alle Bereiche des Lebens aufgezählt sind, von Ständerätin (Josy Meier) über den Verein Luzerner Biobauern bis zum Forum Neuland. Ich kann da nur sagen und es tut unserer Identität schon mal gut, dass auch bei uns Ständerätinnen verkehren: Kürzlich hat Frau Sommaruga, Ständerätin Kanton Bern, in der Jury des Nord-Süd-Preises mitgewirkt. Aber es verkehren bei uns auch namenlose hochqualifizierte Menschen aus andern Kulturen. 

Weiter bemühen wir uns so quer zu werden wie das Forum Neuland und die Biobauern: Wir pflegen in unserem Garten ein Biotop, Sie können es nachher beim Apero anschauen gehen, allerdings fehlt bei uns Viehzucht und Landwirtschaft und soll auch nicht einführt werden.

Sowohl das Luzerner Tauschnetz wie auch creadrom sind weitere Preisträger. Ob wir da mit unseren Kreativ-Workshops oder mit unserem Networking, wie man politischer Lobbyarbeit heute auch sagt, mithalten können?

Und dann findet sich da die Gesellschaft der Künstler, der verstorbene Luzerner Komponist Mani Planzer und der Aktionskünstler Franz Müller. Da stehen wir wirklich etwas quer dazu, wir haben zwar ein Klavier, das klingt ab und zu verstimmt, als Begleitung von Kabarettnummern taugt es noch, aber für den Minutenwalzer von Chopin sind die Tasten zu langsam. Aber wir sind ja quer und müssen angesichts der Konkurrenz des KKL auch keine Konzerte organisieren. 
Wir produzieren lieber ein paar Misstöne, etwa angesichts von unverständlichen kirchlichen Vorgängen oder bei Sparübungen in der Entwicklungszusammenarbeit. 

Schon wohler fühlt sich das RomeroHaus in Gesellschaft eines theologischen Gassenarbeiters oder eines Projekts, das sich "Bäuerinnen hier und dort, Luzern/Afrika" nennt. Die Bethlehem Mission Immensee als Trägerin des RomeroHauses versteht ja heutige Missionsarbeit auch nicht mehr als Bekehrung, sondern als Dialog und Austausch von Erfahrungen, sowohl in weltlichen Belangen, wie auch in religiösen Motivationen. Der Nord-Süd-Preis, den das RH und die BMI alle zwei Jahre verleihen, honoriert solche partnerschaftlich Zusammenarbeit im Dienste der Schwächsten Vor zwei Jahren ging er an die Zusammenarbeit eines Erwerbslosenprojekts in Liebenau Bern mit der Behindertenorganisation ECLAT, die Velos und Tricyclettes zusammenflickt für die ländliche Region von Burkina Faso. Dieses Jahr wird der Nord - Süd -Preis an eine mutige Menschenrechtsorganisation in Kolumbien verliehen, die einen Flussweg wieder frei für Lebensmitteltransporte erkämpfte, indem sie eine gewaltlose Schiffspilgerfahrt organisiert hatte, risikoreich, quer, aber wirksam und international abgestützt. Auch bei der Förderung des Einsatzes für Recht und Gerechtigkeit sind wir in guter querer Gesellschaft, immerhin ist unter den Preisträgern auch ein Jurist und Rechtsanwalt, der wohlbekannte Ruedi Zihlmann. 

Aber was fällt uns in der Gesellschaft der Geburtsvorbereiterin Cécile Malevez-Bründler ein. Hebammenkunst, na ja das hat auch Sokrates gemacht, und es ist das A und O der Bildungsarbeit; aber etwas hervorzubringen, das Hand und Fuss hat?... Wir wären wohl von einer wirklichen Geburt eines Babys in diesem Haus etwas überfordert...

Ich kann nicht die ganze illustre Gesellschaft der Quer-Ständigen hier aufzählen. Aber wir werden uns Mühe geben, weiterhin quer im Sinn der Stiftung Lebensraum zu sein: Preiswürdig seien nämlich "Projekte, die das Lebendige, Kreative umsetzen wollen" sowie "Experimente, die Brücken in andere Lebensräume schlagen und Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen ermöglichen". 

Wir sind überzeugt, dass Bildung heute nicht unter "technologische Marktführerschaft" gestellt werden kann, wie das immer wieder gefordert wird, wo alles auf technologische Wissensanhäufung, Innovation, Kompetenzförderung, berufliche Weiterbildung getrimmt wird. Wenn sie einmal einen Abend im RomeroHaus erlebt haben, wissen Sie, dass Bildung stark durch Begegnungen gefördert wird. Menschen bilden andere Menschen, indem sie Einblick geben in ihre Erfahrungen, ihr Wissen, ihre Beurteilungen, Folgerungen und Handlungen. Erst Wissensverwertung in einem gesamtmenschlichen Kontext ist gebildetes Verhalten. 

So stehen wir vielleicht auch in unserem Bildungskonzept etwas quer zu den Trends, die von der Arbeitswelt gefordert werden. Was uns offensichtlich ehrt. Dafür vielen Dank.

www.romerohaus.ch 

Zur Begrüssungsansprache Beat Bucher  |  Zur Laudatio von Klara Obermüller  | Text der Preisurkunde, Bilder Preisverleihung 

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