Lebensraum-Preis 2005

Terra Alta – Haus für Geburt Frau Gesundheit

Die Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" verleiht ihren Lebensraum-Preis 2005 an das neu eröffnete Geburtshaus Terra Alta in Oberkirch LU. Der Förderpreis ist mit 40'000 Franken dotiert. 

Die Preisverleihung fand am 9. Dezember in Oberkirch statt.

Cécile Malevez-Bründler, Stans

Laudatio auf die Lebensraum-Preisträgerinnen 2005


Liebe Preisträgerinnen, liebe Anwesende

Wir alle hier im Raum haben eines gemeinsam – wir haben die Erfahrung, geboren worden zu sein – geboren von unserer Mutter.
Viele der anwesenden Frauen haben selber Kinder geboren.
Und viele der Anwesenden haben Gebärende begleitet und unterstützt.

Ausnahmslos haben wir allen einen Bezug zum Thema Gebären und Geborenwerden und sind von diesen Erfahrungen geprägt. 
Gebären oder Geborenwerden ist für jeden Menschen eine fundamentale Erfahrung und bedeutet Werden, Wachstum, Entwicklung, Zukunft.

Die Verantwortlichen von der Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" haben die Bedeutung des Themas erkannt und darum den Preis fünf Frauen zugesprochen, die sich in beispielhafter Weise dem Ereignis rund um die Geburt annehmen. Hier in diesem Haus wird Gebären und Geborenwerden so gestaltet, dass sich schöpferische und spirituelle Kraft entfalten kann.

Jede Geburt hat eine unfassbare Dimension. Denn nur durch die Bereitschaft der Frauen, Kinder zu gebären, kann überhaupt unsere Menschheit überleben und weiter existieren. Die Wichtigkeit dieses Ereignis ist schon seit Urzeiten erkannt. Darum wird die Geburt vielfältig zelebriert. Jede Kultur, jede Gesellschaft, jede Generation gestaltet und gewichtet dieses Ereignis immer ganz besonders – entsprechend ihrer Sichtweise, ihren Werten und Normen.

Schwangerschaft und Geburt sind Übergangsphasen im Leben der Beteiligten. Übergangsphasen sind mit intensiven Gefühlen wie Verunsicherung, Ängsten, aber auch mit Hoffnung und Freude verbunden. Übergangsphasen fordern die Beteiligten heraus, Altes und Vertrautes loszulassen und sich Neuem und Unbekanntem zu öffnen. Das gilt in ganz besonderem Masse für Schwangere und Gebärende und ihre Partner. Und das hat früher gegolten und gilt noch heute.

Ich möchte nun erläutern, wie sich die Gestaltung des Gebärens durch die Generationen verändert hat und warum Geburtshäuser – wie das in der heutigen Zeit eine besondere und wichtige Bedeutung haben.

Gehen wir zwei, drei Generationen zurück, Ende des 2. Weltkriegs. Jedes grössere Dorf hat damals eine Hebamme. Eine, die alle Familien im Dorf gekannt hat, die Schwangeren, die Väter, deren Mütter und Grossmütter. Hebammen haben die Frauen in der reproduktiven Lebensphase mit Rat und Tat und mit Chrütli begleitet. Sie betreuten die Schwangeren und selbstverständlich haben sie mit ihnen die Kinder geboren. Sie war Beziehungs-, Fach- und Vertrauensperson und hatte ein hohes Ansehen als weise Frau. Die Geburt war eingebettet in die vertraute Umgebung, in den Alltag. Das Gebären war ein natürliches Ereignis und hatte auch eine spirituelle Dimension. Die Hebamme war voll Vertrauen in die Kraft, in die Fähigkeit und in die Körperfunktionen der gebärenden Frau. Fast selbstverständlich gehörte auch das Risiko dazu – die Frage von Leben und Tod. Schicksalsergeben haben die Familie und die Gesellschaft hingenommen, wenn Gebärende oder deren Kinder bei der Geburt gestorben sind. Die Kindersterblichkeit und die Müttersterblichkeit waren damals unvergleichlich höher als heute. Man hatte ja auch nicht die medizinischen Möglichkeiten, bei indizierten Problemen entsprechend zu intervenieren.

Bei der nachfolgenden Generation gingen die Frauen in die Spitäler zur Geburt. Mit dieser Umstellung hat ein Paradigmawechsel stattgefunden, der dazu führte, dass die Geburt zunehmend pathologisiert wurde. Die Geburtsbegleitung, die Interventionen und die Art, wie Frauen ihre Kinder gebären, wurden von den Institutionen und den Strukturen des Spitals bestimmt. Massstab waren die medizintechnischen und pharmakologischen Möglichkeiten. Michel Odent, der grosse Reformer in der Geburtshilfe, hat dazu festgestellt, "die Geburtshilfe sei vom Wunsch zur Kontrolle geradezu besessen". 

Was hat das konkret bedeutet? Ich erkläre es aus meiner persönlichen Erfahrung, die ich 1978 mit der Geburt meiner ältesten Tochter gemacht habe. Ich muss vorausschicken, dass ich mich damals mit der Geburt gar nicht befasst habe. Im Schwangerschaftsturnen hat uns die Hebamme beruhigt und gesagt, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Der Arzt und sie würden schon für eine gute Geburt sorgen. Damit habe ich die volle Verantwortung auch in ihre Hände gelegt. Als es soweit war und wir im Spital ankamen, wurde als erstes mein Partner nach Hause geschickt. Man werde ihn wieder rufen, wenn es soweit sei. Das Personal war gerade durch eine andere Geburt absorbiert, also wurde ich mit einer Dosis Valium versorgt. Über Stunden bin ich – allein im Gebärzimmer – mit den Wehen recht gut zurecht gekommen. Zur Sicherheit hatte man die Wehen und die Herztöne ununterbrochen mit dem Monitor überwacht. Die Fruchtblase wurde künstlich eröffnet und dem Kind wurde eine Kopfelektrode zur Kontrolle gesteckt. Natürlich lag ich immer auf dem Rücken. Ich muss gestehen – ich habe mich in Sicherheit gefühlt, überwacht und kontrolliert. Für die Austreibungsphase sind mir Wehenmittel verabreicht worden, damit die Sache nun vorwärts ginge. Schliesslich wurde die Geburt mit einem Vakuum beendet. Trotz allem – ich war überglückliche Mutter einer Tochter geworden. 

Unzähligen andern Müttern ist es ähnlich ergangen in der damaligen Zeit. 


Im Zusammenhang mit der Frauenbewegung hat sich die Sicht auf die Geburt in den 80er Jahren wesentlich verändert. Es wurde uns bewusst, dass wir uns um Wesentliches bringen, wenn wir uns nicht eigenverantwortlich und aktiv beteiligen und die Gestaltung der Geburt einfach der Institution Spital überlassen.

Viele hier Anwesenden erinnern sich vermutlich an die emotional engagierten Seminare von Sheila Kitzinger. Wie anschaulich sie demonstriert hat, was es für eine Frau bedeutet, auf dem Rücken liegend gebären zu müssen. Sie und mit ihr Tausende von Frauen und Hebammen in ganz Europa haben dann gefordert, dem Prozess der Geburt seine Natürlichkeit zurück zu geben. 

Dazu gehörte,

Unter dem Druck von Frauen und engagierten Hebammen ist so erneut ein Paradigmenwechsel in Gang gesetzt worden.

Die Gebärkultur hat sich in Kürze massiv geändert:

Die Spitäler haben sich sehr bemüht, die Wünsche der jungen Familien zu berücksichtigen. Das Angebot wurde angepasst.

In den letzten Jahren hat die Gebärkultur aber wieder eine neue Ausrichtung erfahren: Die Diagnostik, die Medizintechnik, die Pharmakologie haben sich weiterentwickelt und neue Ansprechgruppen entdeckt: die Schwangeren, Gebärenden, aber auch die Wechseljahrfrauen.

Einerseits werden wir sensibilisiert – für alle möglichen Risiken einer Schwangerschaft, einer Geburt oder der Wechseljahre. Die Standards und Normen medizinischer Sicherheit werden immer tiefer angesetzt. Das bedingt, dass Interventionen viel früher gerechtfertigt werden können. Anderseits werden wir darauf hingewiesen, dass wir keine Unannehmlichkeiten mehr in Kauf nehmen müssen rund um diese Übergangsphasen. Es ist möglich, allen natürlichen Umstellungserscheinungen durch medizinischer Unterstützung zu begegnen und diese zu eliminieren.

Bei der Spitalgeburt wird die Fragestellung tendenziell darauf reduziert, ob die Geburt 

Die Frauen können wählen, wann und wie sie gebären wollen. Ein grosses medizinisches Hilfsangebot wird heute unter dem Titel der "selbstbestimmten Geburt" angepriesen, ja regelrecht vermarktet. Mit der Konsequenz:

Die Einstellung zur Geburt hat auf diese Weise bei vielen Frauen und in den Spitälern eine neue Ausrichtung erfahren. Die Geburt wird terminiert, geplant, erfolgt schmerzlos und natürlich selbstbestimmt, in angenehmer Atmosphäre mit dem grösstmöglichen Komfort. Das ist der Tenor. Kaum berücksichtigt wird, dass es eigentlich die Natur ist, die den richtigen und individuellen Zeitpunkt für die Geburt vorgesehen hat.

Die Spitäler haben den Auftrag, medizinische Hilfe zu leisten, dort wo es nötig ist und Indikationen vorliegen. Das kann auch bei einer Geburt sein. Sie haben aber auch den Auftrag, die Kundenzufriedenheit zu gewährleisten und vor allem konkurrenzfähig sein – damit auch die ökonomischen Kriterien erfüllt werden können.

Und tatsächlich – warum soll eine Gebärende auf all diese Annehmlichkeiten verzichten? Warum soll sie all die Angebote nicht in Anspruch nehmen? Weil

Gebären ist eine der größten emotionalen Erschütterungen, Gebären ist Grenzüberschreitung wie beim Sterben. Gebären ist eine Wandlung, Frauen werden Mütter, Männer werden Väter, Kinder werden Bruder oder Schwester, Mütter werden Großmütter, und bei der Geburt wird das Kind selber vom Ungeborenen zum Geborenen, es kommt von einer Heimat in eine andere. Es ist höchst fraglich, ob es gut ist, wenn wir in das delikate Geschehen von Menschenhand leichtfertig eingreifen, statt dem Natürlichen den Lauf zu lassen. 


Ihr fünf Hebammen, die ihr heute ausgezeichnet werdet, strebt genau das an – das, was dem Ereignis Gebären und Geborenwerden die entsprechende Würde gibt. Ihr bietet im Geburtshaus an:

Wie schon betont – Gebären schliesst ein 

Darum ist das ganze Konzept, das ihr hier verwirklicht, so eminent wichtig in der heutigen Zeit. Hier können die Eltern nach der Geburt mit ihrem neugeborenen Kind die ersten Tage verbringen und in Sicherheit und Geborgenheit den Start in ein neues Leben gestalten. Ihr begleitet die jungen Eltern in eine neue Lebensphase, die für alle drei Beteiligten sehr bedeutungsvoll ist. Ihr habt es verstanden, in diesem Haus eine Atmosphäre zu schaffen, die eine aufnehmende Herzlichkeit und Geborgenheit ausstrahlt. 

Ihr kreiert aber nicht nur eine angenehme Atmosphäre und bietet Begleitung an, ihr gewährleistet auch eine fachlich qualifizierte und medizinische Betreuung während der Schwangerschaft, der Geburt und der Wochenbettzeit.

Euer Gesamtkonzept schliesst auch ein komplementärmedizinisches Angebot für Frauen mit ein. Das Konzept ist also weitsichtig geplant und erhebt zu Recht den Anspruch, ein ganzheitliches und gesundheitsförderndes Angebot zu sein, das einem grossen Bedürfnis von Frauen und Familien entspricht.

Das Geburtshaus hier in Oberkirch ist eines von 17 Geburtshäusern in der Schweiz. Gesundheitspolitisch bilden die Geburtshäuser einen Kontrapunkt zu den Spitälern. Für die risikolose Schwangerschaft und Geburt sind eigentlich die Geburtshäuser genau das Richtige. Das ist meine persönliche Meinung. Denn: Warum soll eine normale Geburt in einer Klinik stattfinden? Sie hat nichts, aber auch gar nichts mit Kranksein zu tun. In Holland beispielsweise werden bis 40% der Kinder zuhause geboren. Holland hat die niedrigste Kaiserschnitt-Rate auf der Welt. Sie liegt bei 8-10%.

Ökonomisch betrachtet müsste man sofort das Angebot an Geburtshäusern ausbauen und in die Krankenkassen-Grundversicherung aufnehmen. In jeder Hinsicht ist das Geburtshaus wirklich die richtige Alternative für Schwangere, Gebärende und junge Familien. Die Spitäler sollen die hochmoderne Medizin dort anwenden, wo sie wirklich notwendig ist – nämlich bei Risikoschwangeren, bei Risikogeburten und überall dort, wo medizinische Interventionen gerechtfertigt und notwendig sind. In diesem Falle sind wir alle sehr dankbar für die Errungenschaften der modernen Medizin. Niemand – gar niemand – will die Gesundheit der Frauen oder Kinder gefährden.

Mit Recht werdet ihr – Beatrix, Christina, Renate, Patricia und Barbara – ausgezeichnet und belohnt für euer Engagement. Ich möchte Euch danken im Namen der Frauen, der Väter, der Kinder, die hier in diesem Haus ein- und ausgehen werden. 

Eigentlich engagiert ihr euch schon seit langer Zeit für individuelle und ganzheitliche Betreuung von Schwangeren. Während einigen Jahren habt ihr bereits eine Hebammenpraxis geführt und als Beleghebammen im Spital Sursee gearbeitet. Leider wurde die freie Hebammenwahl am Spital abgeschafft. Ihr aber habt die Vorstellungen, wie ihr Schwangere und gebärende Frauen und junge Familien betreuen und begleiten möchtet, nicht aus den Augen verloren und eure Visionen konsequent weiter verfolgt. Dabei habt ihr kein Risiko, keine Arbeit, keine Herausforderung gescheut, um eine neue, gute Lösung zu finden. Ich möchte nicht fragen, wie viele persönliche und zeitliche Ressourcen ihr dafür investiert habt. Mutig, selbstbewusst und engagiert seid ihr Euren Weg gegangen und habt ihr das gesteckte Ziel verfolgt. 

Und ihr habt es geschafft – sichtbar, spürbar. 

Auf eurem Prospekt seht das Zitat von Lothar Zanetti:

"Geh nicht nur die glatten Strassen
Geh Wege die noch niemand ging
Damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub".

Ihr hinterlässt Spuren und weist gleichzeitig in die Zukunft – in eine Zukunft in der eine Geburtskultur ermöglicht wird, die dem Ereignis würdig und angepasst ist.

Ich wünsche Euch von ganzem Herzen, dass der Lohn für diesen Einsatz Erfolg bringt:

Wie ich aus Gesprächen mit euch weiss, wünscht ihr euch, 

Von Herzen wünschen wir, dass sich das erfüllt.

Nicht zuletzt möchte ich aber auch dem Stiftungsrat danken. Er hat den Willen und den Mut aufgebracht, ein Frauen- und Familienprojekt zu unterstützen und die Initiantinnen eines grossartigen Projekts zu ehren.
  

 

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