Lebensraum-Preis 2005

Terra Alta - Haus für Geburt Frau Gesundheit

Die Stiftung "Luzern - Lebensraum für die Zukunft" verleiht ihren Lebensraum-Preis 2005 an das neu eröffnete Geburtshaus Terra Alta in Oberkirch LU. Der Förderpreis ist mit 40'000 Franken dotiert. 

Die Preisverleihung fand am 9. Dezember in Oberkirch statt.

Beat Bucher (Präsident des Stiftungsrats)

Rede bei der Preisverleihung


Meine Damen und Herren

Im Namen der Stiftung "Luzern – Lebensraum für die Zukunft" heisse ich Sie zur feierlichen Verleihung des Lebensraum-Preises 2005 herzlich willkommen. Besonders herzlich begrüsse ich natürlich das Team von Terra Alta, dem Haus für Geburt Frau Gesundheit: in erster Linie, versteht sich, die fünf Hebammen Christina Hunkeler, Beatrix Meier, Patrizia Mirer, Renate Ruckstuhl-Meier und Barbara Ruf Heller; besonders herzlich heisse ich aber auch all jene willkommen, die das Frauenteam bei der Gründung dieses wunderbaren Geburtshauses tatkräftig unterstützt haben, die Eltern, Partner und Freunde, die Geburtshelfer/-innen der Geburtshelferinnen sozusagen. Sie sind heute Abend die Mitte, um die sich alles dreht – zwar heimisch im eigenen Haus, aber wohl etwas unheimlich im Mittelpunkt. Denn wer hilft, und dies auf jene subtile Weise, die einzig wirksam ist, besetzt bekanntlich nicht gerne das Zentrum des Geschehens, steht nicht im Licht der Aufmerksamkeit. Viele, die helfende Berufe wählen, suchen das Scheinwerferlicht bewusst gerade nicht. Die Lebensraum-Stiftung mag solche Menschen. Aber unsere Sympathie allein würde nie rechtfertigen können, diese Menschen – sozusagen gegen ihren angeborenen Willen – ans Licht und ins Zentrum des Interesses zu zerren, und sei es nur für die Dauer einer kleinen Feier wie dieser. Dafür braucht es mehr als Sympathie, dafür braucht es gute Gründe. 

Über diese guten Gründe möchte ich nun aus Sicht des Stiftungsrates sprechen, bevor im Anschluss daran die Laudatorin, Cécile Malevez, aus fachkompetenter Sicht eine Würdigung vornimmt. Die Vergabe des Lebensraum-Preises 2005 an die Hebammen von Terra Alta möchte ich entlang von drei Stichworten begründen: Quere Initiative, selbstbestimmtes Leben, gesundheitspolitische Notwendigkeit.

Quere Initiative
Der Stiftungsrat beurteilt das Geburtshaus Terra Alta zunächst deswegen als preiswürdig, weil es das Ergebnis einer unalltäglichen Initiative ist, die Mut zum Risiko, eine etwas quere Vision und den entschiedenen Willen, diese auch zu realisieren, spüren lässt. Wir zeichnen die fünf Hebammen für ihr unternehmerisches Handeln aus. Dass sie ihre Arbeit als Beleghebammen am Kantonsspital Sursee nicht mehr weiterführen konnten, hat sie nicht mürbe, sondern initiativ gemacht. Initiative kommt von "initium", Anfang – sie haben einen Anfang gewagt, ein Unternehmen gegründet, ein Geburtshaus eingerichtet. Das verdient unsern Respekt auch deshalb, weil der mutlose spitalpolitische Entscheid gegen das Beleghebammensystem ganz offensichtlich gestützt wird durch den gesellschaftlichen Mainstream, der sagt: Spitalgeburten sind doch ok, oder? Das öffentliche Bewusstsein für die Existenzberechtigung eines Geburtshauses jedenfalls muss erst noch weiter gestärkt, der Markt für ein Geburtshaus immer wieder neu erobert werden. Ihre Initiative, liebe Frauen, ist eine quere Initiative. Das gefällt uns.

Selbstbestimmtes Leben
Der Stiftungsrat beurteilt das Geburtshaus Terra Alta sodann als preiswürdig, weil dieses selbstbewusste Gründerhandeln auf institutioneller Ebene modellhaft das vorlebt und umsetzt, was in diesem Geburtshaus – so weit ich das verstehe – auch auf individueller Ebene gross geschrieben werden soll: die Stärkung von Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung der Frauen in einem biografischen Moment von höchster Intensität. Sie gehen aus von der Annahme, dass es sich bei jeder Geburt um ein existenzielles Ereignis handelt, ein wunderbares Drama, in dem – seit je und für immer – Frauen die Hauptfigur geben. Nicht nur stärken Sie Frauen auf dieses Ereignis hin (Stichwort: Geburtsvorbereitung), Sie nehmen vielmehr dieses Ereignis zum Anlass, Frauen ganz generell zu stärken (Stichwort: Selbstbestimmung). Sie unterstützen Frauen und Paare dabei, dass sie ihr Leben, ihr Familienleben in eigener Verantwortung gestalten, in ihre eigenen Hände nehmen. Was Frauen und ihre Partner sich rund um die Geburt des Kindes zutrauen und zumuten lernen, das dürfte Massstäbe setzen auch für spätere – mehr oder weniger – dramatische Momente ihres Lebens. Dieser Imperativ eigenverantwortlicher Lebensgestaltung ist eine wichtige gesellschaftspolitische Botschaft, und auch die gefällt uns sehr.

Gesundheitspolitische Alternative
Der Stiftungsrat beurteilt das Geburtshaus Terra Alta schliesslich deswegen als preiswürdig, weil es nicht nur unternehmerisch respektabel und gesellschaftspolitisch wünschbar, sondern weil es gesundheitspolitisch notwendig ist. Die Geburt ist ein kulturelles Ereignis erster Güte: Mit jeder Geburt beginnt die Zukunft neu, erneuert sich das Menschengeschlecht, ja das Menschliche des Menschen. Wie wir als Gesellschaft mit diesem Ereignis umgehen, was wir aus ihm machen, ist alles andere als trivial. Was machen wir heute aus ihm? Ich sehe, stark verkürzt, zwei sehr unterschiedliche Wahrnehmungen: einerseits eine medizinisch-technische, anderseits eine kulturell-spirituelle. Der erste Umgang mit Geburt hat seinen Ort im Spital und bringt das Bedürfnis einer Mehrheit der Gesellschaft zum Ausdruck, durch ein technisches und infrastrukturelles Optimum grösstmögliche Sicherheit, Machbarkeit und Schmerzfreiheit zu erreichen. Der zweite Umgang mit Geburt hat seinen Ort zuhause oder im Geburtshaus und bringt das Bedürfnis einer gesellschaftlichen Minderheit zum Ausdruck, durch eine sorgfältige Gestaltung von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett das Bewusstsein vom existenziellen Einschnitt, den eine Geburt für alle Beteiligten bedeutet, zu steigern. Beiden gemeinsam ist die Sorge um die Gesundheit von Mutter und Kind. Das ist klar, doch auf sehr unterschiedliche Art: Die Spitalmedizin erklärt, gesellschaftlich und politisch gestützt, den möglichen medizinischen Notfall zum Normalfall, während die freischaffende Hebammenkunst, von aller Erfahrung und Statistik gestützt, den möglichen medizinischen Notfall als Ausnahmefall sieht – und dennoch sehr ernst nimmt. Die Hebammen rechnen also damit, dass sie in Ausnahmefällen auf ärztliche Unterstützung angewiesen sind. Es ist der medizinische Notfall, der sie mit der Spitalmedizin verbindet. Ich frage mich: Gibt es im Gegenzug für die Spitalmedizin auch so etwas wie einen kulturell-spirituellen Notfall, der die Zusammenarbeit mit den Hebammen notwendig machte? Es gibt ihn offenbar nicht, nicht für die Medizin, nicht für die Politik – obwohl es ihn objektiv natürlich gibt, wie die Nachrichten über gewaltig gesteigerte Kaiserschnitt- und Anästhesierungszahlen belegen. Liegt da nicht eine Wahrnehmungsstörung der Verantwortlichen vor, die an Blindheit grenzt – ein Fall gesundheitspolitischer Anopsie?

Sicher haben wir alle die politische Diskussion um die Schliessung der Geburtsabteilung im Regionalspital Wolhusen verfolgt. Gut, die Schliessung wurde sparpolitisch begründet, was einmal mehr erlaubte, nicht über Inhalte zu diskutieren. Dennoch musste selbst dem politisch ernüchterten Zeitgenossen auffallen, dass weder in den Medien noch im Parlament oder seitens der Regierung je über Alternativen zur Spitalgeburt nachgedacht worden ist. Das Wort "Geburtshaus" oder "Hausgeburt" scheint im Vokabular der politischen Akteure unbekannt. Dabei wäre ein Geburtshaus eine prima Alternative, die nicht nur kulturbereichernd, sondern darüber hinaus auch kostensparend wäre. Ist unsere Gesellschaft in Bezug auf ihre Geburts-, ja Körperkultur schon so verblendet, dass die Sparpolitiker nicht einmal mehr die Sparpotenziale gesundheitspolitischer Alternativen erkennen? Nein, das kann doch nicht wahr sein. Sagen wir es so: Für die Alternative scheint einfach die Zeit noch nicht reif. Noch braucht es Frauen, die jenseits und trotz solcher politischer Diskussionen unbeirrt ihren Weg gehen, weise und besonnen, wie ihre Berufskolleginnen während Hunderten von Jahren vor ihnen.

Daher, meine Damen und Herren, freuen wir uns doch heute abend ohne Umschweife über das Geburtshaus in Oberkirch – das gibt es, und es ist ohne jeden Zweifel eine willkommene Bereicherung des kulturellen Lebensraums Luzern. Es ist, ob die Gesundheitspolitik dies wahrhaben kann oder nicht, heute schon und immer mehr eine gesundheitspolitische Notwendigkeit. 

Zum Schluss habe ich nun noch die grosse Freude, Ihnen Frau Cécile Malevez anzukündigen. Sie wird die Preisträgerinnen und ihr Geburtshaus eingehend würdigen. Cécile Malevez ist wie keine andere berufen dazu. Sie ist eine Pionierin der Geburtsvorbereitung in der Innerschweiz, viele von Ihnen werden sie kennen. Wir von der Stiftung kennen sie spätestens seit 2001: Damals haben wir den Lebensraum-Preis für "unspektakulären Idealismus" an drei Personen verliehen, Cécile Malevez war eine von ihnen. Eine Passage aus der damaligen Laudatio möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Auf die Frage "Sind Sie eine Idealistin?" erhielt die Laudatorin Lisa Schmuckli von Cécile Malevez die Antwort: "Wenn ich an einem Thema arbeite, dann gebe ich mich ganz ein: zeitlich, emotional. Ein Projekt muss Sinn machen, muss eine Lebensphilosophie haben. Mein Profit ist dann, dass ich soo glücklich bin. So erfüllt. Geburtsvorbereitung ist das Schönste, was eine Frau machen kann." 

Für Deine spontane Zusage, heute selber Laudatorin zu sein, danke ich Dir, liebe Cécile, jetzt schon sehr herzlich. 

Ihnen allen wünsche ich einen anregenden Abend, für Ihr Kommen und Ihre Aufmerksamkeit bedanke ich mich.
  
Laudatio  von Cécile Malevez

 

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