Lebensraum-Preis 2007


Verleihung des Lebensraum-Preises 2007 
der Stiftung Luzern – Lebensraum für die Zukunft 
an das Leitungsrteam des Heims Breiten, Willisau

Die Preisverleihung fand am 30. November 2007 im Rathaus Willisau statt.


Laudatio

Beat Bucher, Präsident des Stiftungsrats

Meine Damen und Herren

Beat Bucher übergibt den Lebensraum-Preis 2007

Im Namen der Stiftung „Luzern – Lebensraum für die Zukunft“ heisse ich Sie herzlich willkommen zur Verleihung des Lebensraum-Preises 2007. Besonders willkommen heisse ich die Provinzialoberin der Schwesterngemeinschaft von Ingenbohl, Sr. Edelina Uhr, mit ihren Mitschwestern aus Ingenbohl, ebenso freut uns sehr, dass Herr Robert Küng, der Stadtpräsident von Willisau, und Frau Stadträtin Hedwig Bürgisser, die Sozialvorsteherin der Stadt Willisau, unter uns weilen. Dass wir heute etwas zu feiern haben, verdanken wir nicht zuletzt Ihnen, der Schwesterngemeinschaft und der Stadtgemeinde, weil Sie diesen besonderen Lebensraum, den das Heim Breiten darstellt, durch Ihr grossmütiges Gewähren erst ermöglichen. Ganz besonders herzlich begrüsse ich natürlich all jene, die den Lebensraum Heim Breiten tagtäglich gestalten und nutzen, allen voran Sr. Annarose Schönenberger, Sr. Damian Wüest und Sr. Irene Leib, sodann die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Heimteams und nicht zuletzt die anwesenden Heimbewohnerinnen und Heimbewohner, von denen einige heute Nachmittag vorgeschlafen haben, um diese Abendstunde nicht zu verpassen. Allen danke ich für Ihr Erscheinen: Sie müssen gespürt haben, dass Sie heute Abend nicht nur willkommen sind, sondern nachgerade gebraucht werden, als stärkende Begleitung der drei Ingenbohler Schwestern auf ihrem schweren Weg ins Zentrum der Aufmerksamkeit – denn schlimmer noch als im Mittelpunkt zu stehen wäre für sie, allein im Mittelpunkt zu stehen. Herzlich willkommen also!

Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass Sie, liebe Schwestern, sich noch eine Weile richtig wohlfühlen können – ich werde erst gegen Ende meiner Laudatio auf Sie persönlich zu sprechen kommen. Um verständlich zu machen, was uns als Stiftungsrat am Wirken der Ingenbohler Schwestern im Heim Breiten so preiswürdig und so beispielhaft erscheint, muss ich nämlich einen weiten, 2000-jährigen Bogen schlagen in die Vergangenheit. Ich will Ihnen von zwei Geschichten erzählen, von einer biblischen und einer historischen: Beide haben miteinander zu tun, beide haben die Welt verändert, und zwar bis auf den heutigen Tag – die eine durch ihre Stärke, die andere durch ihre Macht.

Die erste Geschichte kennen wir alle bestens, es ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium. Jesus ist im Gespräch mit einem Schriftgelehrten, die beiden sind sich einig, dass ewiges Leben nur gewinnt, wer „seinen Nächsten liebt wie sich selbst“. Doch, fragt der Schriftgelehrte prüfend, „wer ist mein Nächster?“ Jesus antwortet mit dieser Geschichte:

Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und liessen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samaria, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn sogar über den Tag hinaus.

„Was meinst Du“, fragte Jesus daraufhin den Schriftgelehrten, „wer von diesen dreien hat sich gegenüber dem Überfallopfer als der Nächste erwiesen?“ Dieser antwortete: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.“

Eine schöne Geschichte. Nur, was soll daran revolutionär sein? Ist nicht einfach selbstverständlich, so zu handeln, wie es uns das Gleichnis nahegelegt? Ivan Illich, einer der radikalen Querdenker des letzten Jahrhunderts, dem ich die folgenden Hinweise verdanke, vermutet, dass wir diese Geschichte vielleicht zu oft gehört haben, um sie wirklich zu verstehen. Jahrhunderte von Predigten hätten moderne Menschen daran gewöhnt, dieses Gleichnis als ein blosses Gebot aufzufassen, wie man sich verhalten solle, sozusagen als Illustration einer christlichen Benimmregel. Spannend wird die Geschichte tatsächlich erst, wenn wir sie aus der Sicht der Zeitgenossen von Jesus lesen: Diese glaubten wohl, dass der Priester und der Levit vollständig angemessen handelten, als sie an dem verwundeten Mann vorübergingen – der war ja vielleicht tot und deshalb rituell unrein, oder die beiden waren auf dem Weg zum Tempel in Eile und hatten dort weit wichtigere Pflichten zu erfüllen. Und dass der Reisende aus Samaria – im Übrigen ein feindlicher Aussenseiter aus dem Norden des Königreichs Israel – sich um jemanden kümmern sollte, der nicht aus Samaria stammte, musste den zeitgenössischen Zuhörern ein gänzlich fremder Gedanke gewesen sein. Das ist denn auch das Revolutionäre an dieser Geschichte: Der Samariter hilft, ohne dazu moralisch verpflichtet zu sein, und mit seiner Geste geht er eine Beziehung ein zu jemandem, mit dem ihn – kulturell oder persönlich – nichts verbindet, es sei denn der Zufall: Dein Nächster ist der, dem du zufällig begegnest, über den du stolperst am Strassenrand. Die bedingungslose Hinwendung zum Menschen, egal wer er ist, die Annahme des Nächsten, wie fremd auch immer er sein mag – das ist es, was vor 2000 Jahren als christliche Kernidee sich aufmacht, die Menschen neu miteinander zu vernetzen und schon relativ kurze Zeit danach die römische Welt zu erobern. Bis die Idee zu Menschen vorstösst, die sich als Ingenbohler Schwestern bezeichnen, werden zwar noch rund 1850 Jahre vergehen, aber klar ist, dass dannzumal das „Institut der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz“ (wie sie offiziell heissen) ohne die Wirkkraft des revolutionären Beispiels des Mannes aus Samaria nicht gegründet worden wäre.

Doch gleichermassen lässt sich sagen – und damit wäre ich bei meiner zweiten, etwas trockeneren Geschichte angelangt – , dass das Gleichnis des barmherzigen Samariters historisch gesehen vermutlich nicht so wirkkräftig hätte werden können, wenn es den frühen Christen nicht gelungen wäre, ihre Ideen und Überzeugungen machtvoll zu etablieren, zu institutionalisieren. Entscheidend dafür ist, dass das Christentum vom 4. Jahrhundert an eine vom römischen Kaiser anerkannte Religion wird, sich entsprechend organisiert, eine Kirche bildet, die eigene Beamte – Priester und Bischöfe – mit der Verbreitung des Evangeliums und mit der Festigung der kirchlichen Strukturen beauftragt. Die Fürsorge für die Armen und Randständigen wird zur Massenaufgabe, die nach geordneten Einrichtungen verlangt: Was im frühen Christentum noch vielfältige individuell geprägte Praktiken waren, wird nun zu einer zunehmend einheitlichen institutionell geprägten Praxis: Weiterhin tun die Christen Gutes im Sinne ihres Evangeliums, künftig aber verpflichtet und unterstützt durch immer verfeinertere Einrichtungen der Wohlfahrt, der Gesundheit, des Glaubens und der Bildung. Die Kirche, nicht zuletzt durch ihre Klöster, wird ein universelles Dienstleistungsunternehmen, das im Europa des Mittelalters und weit darüber hinaus praktisch alle Bereiche des Alltags prägt und durchdringt. Und als am Ende des Mittelalters die kirchliche Macht der staatlichen und privaten immer mehr weichen muss, schält sich allmählich eine zivile Dienstleistungsgesellschaft heraus, die – sofern man genau hinschaut – mit dem kirchlichen Dienstleistungsunternehmen noch immer viel gemein hat: Auch heute noch steht uns ein dichtes Netz aus sozialen Institutionen, aus Heimen, Spitälern und Schulen eben, zur Verfügung, und in diesen Institutionen arbeiten Menschen, die – wie seit jeher – vorgeben zu wissen, wie der Dienst am Mitmenschen auszusehen hat. Revolutionär an dieser Geschichte ist ihr Erfolg: Die Institutionen haben unsere Welt in einem so weitgehenden Masse erobert, dass wir uns ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorzustellen vermögen, und ohne sie können wir in dieser Welt praktisch nichts erreichen, was Bestand hat.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Eine Laudatio ist doch – werden Sie einwenden – keine Predigt und keine Geschichtslektion. Gewiss haben Sie recht. Doch wenn wir das Leitungsteam des Heims Breiten würdigen wollen für seine vorbildliche Haltung, so müssen wir sagen können, in welchem Spannungsfeld sich diese Haltung Raum und Nachachtung verschafft. Denn wer heutzutage in Heimen, Spitälern oder Schulen arbeitet, sieht sich einem schwierigen, widerspruchs- und anspruchsvollen Spannungsfeld ausgesetzt, das alle herausfordert, ob sie nun in kirchlichem oder staatlichen Auftrag handeln:

Aus Erfahrung wissen wir, dass diese gegensätzlichen Ansprüche heutzutage durchaus nicht gleich gewichtet werden: Die personalen Ansprüche werden eher geringgeschätzt, die institutionellen Ansprüche deutlich hoch bewertet. Das Personale wird als kulturell-ethische Grundhaltung irgendwie – bis zur Vernachlässigung – vorausgesetzt, während das Institutionelle erste Priorität geniesst, entsprechend immer mehr Raum einnimmt und stetig und teuer weiter entwickelt wird: die Infrastruktur, die Organisation, die Arbeitsprozesse müssen immer perfekter sein, ebenso das Kostenmanagement immer optimaler. Was teuer ist, wird immer teurer (das Kostenmanagement wird also immer wichtiger), und was selbstverständlich erscheint, wird immer weniger wert.

Aus den beiden Schilderungen – Samariter-Gleichnis und Institutionengeschichte – ziehe ich die folgende Lehre: Wenn wir das individuelle Wagnis der samaritanischen Geste und das institutionelle Bewahren dieser samaritanischen Praxis nicht in einem lebendigen Gleichgewicht halten, gefährden wir beides. Je mehr wir versuchen, aus der individuellen Geste des barmherzigen Samariters eine kollektive kulturelle Verpflichtung zu machen, sie quasi personenunabhängig an die Institutionen zu delegieren, laufen wir Gefahr, dass der Geist des Samariters sich verflüchtigt. Und aus heutiger Sicht ist überdeutlich, dass unsere Sorge dem Geist des Mannes aus Samaria gelten muss.

Damit wäre ich nun, wie ich finde, endlich beim Geist angelangt, der im Heim Breiten noch so spürbar weht, also bei Ihnen, liebe Schwestern, und Ihrem Heimteam. Wie genau dieser Geist aussieht, muss ich hier nicht beschreiben – das versuchen im nächsten Beitrag der Autor Georges Müller, mein Stiftungsratskollege, und die Fotografin Daniela Kienzler mit ihren Worten und Bildern einzufangen. Mir fällt die Aufgabe zu zu erläutern, warum der Stiftungsrat gerade den drei Ingenbohler Schwestern des Heims Breiten den Lebensraum-Preis zuerkennt. Sie alle konnten es der Einladung entnehmen: Die Stiftung „Luzern – Lebensraum für die Zukunft“ anerkennt seit 1992 einmal jährlich Initiativen und Leistungen, die etwas quer in der Landschaft stehen. Preiswürdig findet sie Personen und Institutionen, die das Lebendige, Kreative umsetzen wollen und Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen ermöglichen: Quere Experimente eben, die risikofreudig das Ungewohnte wagen, sich selber und andere herausfordern, anregend und anstössig sind. Für den Stiftungsrat sind Sie, liebe Schwestern, in diesem positiven Sinne quer, und dies aus einem einzigen einfachen Grund: Sie geben der wunderbaren Geste des Samariters in dem heutigen schwierigen Spannungsfeld sozialen Wirkens das ursprüngliche Gewicht zurück. Das heisst: Sie stärken in Ihrem alltäglichen Schaffen eine Idee der sozialen Zuwendung, die den einzelnen Menschen, seine Würde und seine Eigenart, höher stellt als institutionelle Dringlichkeiten und Zwänge; Sie haben den Mut, die Gestaltung des Ihnen anvertrauten Heims ganz auf seine Bewohnerinnen und Bewohner auszurichten – diese danken es durch die sichtbare Freude und Zufriedenheit auf ihren Gesichtern, die dem Besucher sofort auffallen, wenn er das Heim Breiten betritt. Wenn „quer“-Sein bedeutet, dass Menschen am Rande zum Mittelpunkt des Wirkens gemacht werden, dann sind Sie, liebe Preisträgerinnen, ein queres Trio.

Sie selber wären unglücklich, wenn ich hier Schluss machen würde ohne zu erwähnen, dass Ihr queres Wirken selber angewiesen ist auf günstige Rahmenbedingungen. Diesen institutionellen Rahmen gewährleisten, ich erwähnte es eingangs, einerseits die Stadtbehörden von Willisau, anderseits die Schwesterngemeinschaft in Ingenbohl.

Wie vor 2000 Jahren zwischen Jerusalem und Jericho, so braucht es auch heute zwischen Willisau und Hergiswil am Napf viel quere Energie, wenn man sich dem, was kulturell angesagt ist, entziehen, ja ihm entgegen treten will. Ein prägendes Zeichen unserer Gegenwartskultur ist es, dass nichts wert ist, was nichts kostet, also was umsonst ist. Für verlorene Werte verlieren wir auch die Worte: So hat Ivan Illich für das absichts- und vorbehaltlose Handeln nach dem Muster des barmherzigen Samariters ein neues Wort erfinden müssen: „Umsonstigkeit“. Seit ich darüber nachdenke, warum mich die Haltung der drei Schwestern so fasziniert, geht mir dieses Wort nicht mehr aus dem Sinn. Dabei erfasst es gerade nicht den Umstand, dass sie umsonst, d.h. für Gotteslohn, arbeiten (darüber weiss ich im Übrigen nicht Bescheid, es interessiert mich auch nicht). Diese „Umsonstigkeit“ umschreibt eine aktive Haltung, die auch verwirklichen kann, wer nicht klösterlich lebt. Sie kostet nichts und ist von jedermann in allen Lebensbereichen einsetzbar. Wie aber kann man sie erwerben, diese quere Energie, die nicht käuflich ist, weil sie nichts kostet? Vermutlich kann man sie nicht erwerben, man kann sie nur geschenkt bekommen. Durch Menschen, die diese quere Energie „Umsonstigkeit“ – aus welcher Überlieferung auch immer sie gespiesen wird – verkörpern und freigebig unter die Menschen verteilen.

Heute Abend dürfen wir öffentlich anerkennen, dass Sie vom Leitungs- und Heimteam in der Breiten ein beispielhaftes Modell sind für solche Freigebigkeit und „Umsonstigkeit“. Wir danken Ihnen herzlich für Ihr jahrzehntelanges Wirken in der Region Willisau und im Heim Breiten, wir danken Ihnen insbesondere für die Art und Weise Ihres Wirkens. An Ihrem Beispiel können wir uns stärken, es ermutigt uns, selber zu versuchen, gelegentlich in diesem Sinne beispielhaft quer zu sein.

Ich danke Ihnen allen für die Aufmerksamkeit.

 

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